Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Rainer Leitner: Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert
Rainer Leitner Für die konjunkturelle Aufwärtsbewegung der Donaumonarchie* 5 ist die Wechselbeziehung mit dem Eisenbahnbau, der bis in die Sechzigerjahre des 19. Jahrhunderts Fortschritte machte, nicht hoch genug einzuschätzen. Vom Ausbau des Streckennetzes profitierten nicht nur die Bauwirtschaft und die Eisenindustrie, auch die neu entstehende Maschinenindustrie sowie der Kohlebergbau konnten daraus beträchtlichen Nutzen ziehen - das sich rapid beschleunigende Ausmaß der industriellen Revolution (die Industrialisierung der Gesellschaft) korreliert mit der Zunahme des Gütertransportes wie auch der Personenbeförderung durch die Eisenbahn. Nachdem der Börsenkrach von 1873 einigermaßen überwunden worden war, änderten sich in den Achtzigerjahren die industriellen Strukturen tief greifend: Die Fusionierung und die Konzentration zu Großbetrieben ging in den einzelnen Branchen rasch vonstatten, in der Folge kam es zu Kartellen (Preisabsprachen) in der Eisenindustrie und auch in anderen Industriezweigen. Als Reaktion darauf wurde die direkte Einflussnahme des Staates als „sichtbare Hand“ (im Gegensatz zur „unsichtbaren Hand“ der Marktkräfte) durch Subventionen, stabilitätspolitische Eingriffe sowie gezielte Verstaatlichung und Kommunalisierung im Infrastrukturbereich intensiviert. In den 1890er Jahren setzte ein langer Aufschwung ein, den man vielfach als „Zweite Gründerzeit“ bezeichnet: Neue Produktionszweige wie die Großchemie, die elektrotechnische Industrie und der Fahrzeugbau gaben Impulse zur Entstehung teilweise beachtlicher Großbetriebe. Den stetig steigenden Energiebedarf konnte der Kohlebergbau allein nicht mehr abdecken, die Exploration neuer Rohstoffquellen musste vorangetrieben werden. Dies geschah vor allem durch den Ausbau der Wasserkraftgewinnung in den Alpen und die Förderung von Erdöl in Galizien. Ein weiterer Indikator für die akzele- rierte (sich rasant beschleunigende) Modernisierung ist die rasch zunehmende Verdichtung der Kommunikationssysteme, die um die Jahrhundertwende die gesamte Monarchie in einem dichtmaschigen Netz von Telegrafen- und Telefonleitungen erfasste. Die Jahrhundertwende war durch eine kurze Rezession geprägt, doch bald schon übertrafen die Wachstumsraten Österreich-Ungarns jene der anderen europäischen Staaten deutlich. Das Kabinett Emest von Koerbers (1900-1904) setzte eine Reihe viel versprechender Maßnahmen, die ein umfangreiches Programm zum Ausbau der Verkehrsinfrastruktur vorsahen. Der Plan Koerbers intendierte den Bau neuer Bahnlinien im österreichischen dieser „gewachsenen“ Einheit, denn „die Vorteile dieser Wirtschaftsgemeinschaft waren überwältigend“. 5 Trotz glücklos verlaufender außenpolitischer Auseinandersetzungen und der Tatsache, dass der Ausgleich mit Ungarn den Einfluss österreichischer Firmen in der transleithanischen Reichshälfte schwächte, konnte die wirtschaftliche Entwicklung nach 1878 gute Fortschritte verbuchen. 284