Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Gerhard Strohmeier: Eisenbahn und Raumwahrnehmung

Gerhard Strohmeier Anwendung fand.1 Neue Zeitwahmehmung ist eng verbunden mit einer neuen Wahrnehmung von Raum; die Messung der immer schnelleren Bewegung im Raum wurde zu einem Faszinosum des 19. Jahrhunderts. Die euphorischen Vertreter der Erhöhung von Geschwindigkeit setzten sich gegen die Warner vor Beschleunigung und der daraus resultierende Hektik und Nervosität auf allen Linien durch. Die positive Bewertung hoher Geschwindigkeiten fand eindeutig mehr Anklang als die Angst vor Katastrophen, die als Folge hoher Geschwindigkeit befürchtet wurden. Der Diskurs zur Geschwindigkeit bewegte sich progressiv in Richtung Beschleunigung, konservative Gegenpositionen wurden rasant überholt. Entfernungen wurde durch Eisenbahnen mit steigender Effizienz überwindbar. Die „Vernichtung von Raum“ durch die Eisenbahn war eine der geläufigen Redewendungen des 19. Jahrhunderts, von Heine in poetischer Emotionalität1 2 * 4, von Toqueville in politischer Reflexion’ und von Marx in politökonomischer Analyse“ der Eisenbahn verwendet. Raum wurde durch die Eisenbahnen im 19. Jahrhundert erschlossen und damit in einem speziellen Verständnis „vernichtet“, nämlich als natürliche Restriktion für menschliches Handeln. Neben der „Vernichtung von Raum“ wurden im 19. Jahrhundert auch andere gesellschaftliche Konstruktionen und Vorstellungsweisen von Raum hervorgebracht. Bereits vorhandene neuzeitliche Raumvorstellungen wurden erst im 19. Jahrhundert popularisiert und allgemein kulturell verankert, etwa die Wahrnehmung von Raum als Landschaft. Wichtig dafür, so soll hier thesenartig vorgelegt werden, waren wahmehmungsrelevante neue Differenzierungen bzw. Separierungen von Räumen, die untrennbar mit der Eisenbahn verbunden waren. Als eine der neuen Konstruktionen von Raum wird hier zunächst die „neue Straße“ gezeigt - der von anderen Räumen deutlich separierte Bewegungsraum der Schienenbahn. Ein weiterer neuer Raum, das Zugabteil, wurde ebenfalls durch eine Trennung geschaffen, und zwar durch einen neuen Innenraum, als nahezu völlig vom Außenraum unabhängiger Raum der Reise. Letztlich entstand daraus der 1 Die Eisenbahn-Gesellschaften waren entscheidend an der Standardisierung der Zeit beteiligt. Für den Betrieb der Bahn nach Fahrplan wurde eine Eisenbahn-Standardzeit eingeführt, die 1880 allgemeine Standardzeit wurde und die vielfältigen Lokalzeiten aufhob. ln den USA führten 1883 die Bahngesellschaften vier Zeitzonen ein, die 1918 als allgemeiner Standard gesetzlich verankert wurden. Schivelbusch, Wolfgang: Geschichte der Eisenbahnreise. Frankfurt am Main 1989, S. 44 f. 2 Heinrich Heine zit. nach Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise, S. 39. ’ Alexis de Toqueville zit. nach Marx, Leo: The Machine in the Garden. Technology and the Pastoral Ideal in America. Oxford u. a. 2000 (Orig. 1974), S. 194. 4 Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Frankfurt am Main 1969,S.433. 178

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