Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Gerhard Strohmeier: Eisenbahn und Raumwahrnehmung

Eisenbahn und Raumwahmehmung panoramatische Umraum, eine Raumkonstruktion, die aus der Separierung des Innen- vom Außenraum der Reise resultierte. Als vom Körper des Wahmehmenden distanzierter Raum wurde der Außenraum der Reise zur Landschaft, die bildhaft wahrgenommen wurde. Von der „alten Straße“ zur „neuen Straße“ Die Eisenbahn trennte den Bewegungsraum des Reisenden von seinem Umraum. Auf der alten Straße war die Bewegung des Reisenden in den Umraum eingebettet.5 Entsprechend niedrige Bewegungsgeschwindigkeiten (von Kutschen, Reitern, Wanderern) erlaubten fließende Übergänge zu den jeweiligen Umräumen, zu Wald, Wiesen und Acker, Dörfern und Städten mit ihren Gassen, Plätzen und Angern, mit Haus- und Hofeinfahrten. Die alte Straße war in vielfältigen Funktionen genutzt und die möglichen Geschwindigkeiten den jeweiligen Gebrauchsweisen, Transportmitteln und Umräumen angepasst worden. Verkehr auf der alten Straße hatte eine breitere Bedeutung als heute, wurde als Umgang miteinander verstanden, als Kommunikation. Die Übergänge zwischen der Privatheit der Häuser und der Öffentlichkeit der Straße waren nicht immer scharf abgegrenzt; familiäre Aktivitäten drangen auch nach außen, die Schwelle des Hauses markiert zwar einen Übergang, aber keine scharfe soziale Grenze. Die Straße war öffentlicher Raum für verschiedenste Akteure, für Männer, Frauen, Kinder, alte Menschen, sie war Raum der Kommunikation der ansässigen Bevölkerung untereinander, mit Händlern und mit Reisenden. Sie war auch Raum für Tiere, v. a. Nutztiere, die sich auf den Straßen aufhielten, Pferde, Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe, Hunde und Katzen, und sie bot den Saumpflanzen an den Rändern der Straße Platz. Bilder und Schilderungen von Straßenszenen in der Literatur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts führen uns lebendig vor Augen und lassen uns nachvollziehen, welchen vielfältigen Durchmischungen von Akteuren und Aktivitäten die Straße Raum gab. 5 Der Begriff der „alten Straße“ ist Bernhard Rudofsky entnommen: Rudofsky, Bernard: Straßen für Menschen. Salzburg 1995. 179

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