Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße

Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße Euren Königlichen Hoheiten erneuern wir in diesem Augenblick das Gelöbnis unwandelbarer Treue mit der Bitte, Eure Königlichen Hoheiten wollen auch fernerhin unserer Stadt, [...], Ihre Huld und Gnade bewahren.22 Eine beiderseitig lohnende Gewährschaft wurde erneut besiegelt. Das Paar passierte nun die Bahnhofstraße, die zu dieser Zeit in Weimar Sophienstraße hieß, vorbei am Hotel „Kaiserin Augusta“, am Hotel „Viktoria“ und am „Haus Germania“, allesamt noble Verweilorte, vorbei auch an prachtvollen Privathäusem bis zum Watzdorfplatz mit dem Kriegerdenkmal, den Bänken und Rabatten. Hierher kamen die Weimarer Familien nicht nur zu feierlichen Anlässen, sondern auch an gewöhnlichen Wochenenden. Die Kinder kletterten dann auf den niedrigen Denkmalumzäunungen oder versuchten, die unzähligen Namen auf den Bronzetafeln zu lesen. Die Eltern schauten ihren Sprösslingen von den Bänken aus zu.2’ Dahinter ragte das von Jacob Schrammen entworfene Justizgebäude Autorität gebietend empor. Weiter fuhr das Fürstenpaar durch zwei einander gegenüber liegende, die Achse begrenzende „Schulpaläste“ zum Neuen Museum. Eine Vielzahl der Weimarer Schülerschaft ging hier tagein tagaus zur Schule. Ein Monument aus Gips auf hohem Postament machte dem Zeitgeist Avancen: Ein von Adolf Brütt entworfener Siegfried wies, wehrbereit sein Schwert haltend, auf die beiderseitig aufmarschierten Krieger- und vaterländischen Verbände sowie auf die Schülerabordnungen. Der Nibelungenheld war bereits lange vor der Reichsgründung allein oder, die Dichotomie im Epos aufhebend, im Verbund mit Hagen zur Präfiguration künftiger Siege, noch zu erringender Größe erhoben worden. Vier Jahre später, im August 1914, würde der Großherzog an genau diesem Ort den dann Aufmarschierten das Bild von einer politisch-militärischen Einkreisung malen, wie sie von Volker und Hagen vorgelebt worden waren: Von Feinden umgeben, halten die Helden des Nachts Wache, bereit, dem „Großen“ das eigene Leben unterzuordnen. Nun passierte der Festzug das neu erbaute Museum. Neben dem von der Stadt gestifteten Vimariabrunnen stand seit 1894 ein Denkmal zu Ehren des verstorbenen Erbgroßherzogs. Weiter zur Altstadt hin flankierten das Bertuchhaus, die von Clemens Wenzeslaus Coudray gebaute Bürgerschule sowie das für Weimarer Verhältnisse monumentale Postgebäude den Weg der Einziehenden. Am Karlsplatz, noch vor Betreten der Altstadt, ragte das 1907 eingeweihte Reiterstandbild Carl Alexanders empor. Der auf einem Pferd thronende, uniformierte Großherzog war dem mit eher 22 Weimarische Zeitung vom 23. Jänner 1910, S. 1. ' Postkarten bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zeigen immer wieder dieses Familienmotiv. Auch private Fotosammlungen und Zeitzeuginneninterviews verdeutlichen, dass der Watzdorfplatz sonntägliche Ausflüglerlnnen in besonderem Maße anzog. 173

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