Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße
Silke Satjukow geringem militärischen Interesse ausgestatteten Original nicht gerade ähnlich, aber dafür passte er in den aktuellen Rahmen. Wie bei noch keiner Weimarer Denkmalenthüllung hatte die Einweihung damals einer Militärparade geglichen. Einen Tag nach dem Fürsteneinzug begrüßte den am Bahnhof ankommenden Kaiser dieselbe „Kulisse“. Immer, wenn künftig Feste in der Stadt begangen oder Gäste feierlich empfangen wurden, nutzte man diese Prachtstrecke, den aktuellen Erfordernissen jeweils durch ephemere Eindeutungen Rechnung tragend. Die soziale Ordnung des Festgeschehens ließ so auch die gesellschaftliche erkennen beziehungsweise die Utopie einer zukünftigen Gemeinschaft, soweit die Zeitgenossinnen den realen Verhältnissen im Medium des Festes, bewusst oder unbewusst, Kritik und Alternative gegenüberstellten. Anlässlich von Regentenbesuchen etwa stellten die am Straßenrand gleichsam als Wall gegen Andersdenkende Spalier stehenden einflussreichsten sozialen Gruppen eine symbolische Inszenierung der bestehenden sozialen Ordnung dar. Der vorbeischreitende Herrscher bestätigte sie, verlieh ihr eine höhere Weihe. Die Bürgerinnen wiederum bekräftigten durch ihre Anwesenheit, die sie selbst sichernde Ordnung unter den wenigen, machthabenden Protagonistlnnen beibehalten und notfalls verteidigen zu wollen. Den Festakt selbst bestimmten zumeist bürgerliche Honoratioren sowie staatliche Funktionsträger. Sie standen zur Begrüßung am Bahnsteig, hielten die Reden und enthüllten die Denkmäler. Die Mehrzahl der Versammelten gab sich mit anonymeren Rollen wie der Teilnahme am Festzug zufrieden. Und doch scheint es zunächst, als galt die Harmonie nur für den Augenblick des zentralen Akts im Festablauf, wenn der Landesfürst oder gar der Kaiser entlang der geschmückten Feststraßen in die Stadt einzog und vom Stadtoberhaupt begrüßt wurde, wenn man Ansprachen anlässlich der Enthüllung eines Kriegerdenkmals hielt oder sich am selben Ort zur Sedansfeier traf beziehungsweise zu gemeinsamen Loyalitätsbekenntnissen am Kaisergeburtstag. In allen das Fest umrahmenden Veranstaltungen löste sich die Gemeinschaft real nach Standes-, Vermögens-, Bildungs- und politischen Kategorien wieder auf, freilich ohne zwangsläufig auch die eben empfundenen Gefühle in Frage zu stellen. Was verblieb war der auratische Charakter des Festes in den Köpfen der Gruppenmitglieder, bereit, auch alltags beim Betreten des pulsierenden und gleichzeitig „sakralisierten“ Raums aufgerufen zu 174