Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße

Silke Satjukow Zwanzig Jahre später, im Jahre 1869, war man sich unter anderem im Berliner Architekten-Verein gar nicht mehr so sicher, ob diese nun mehr den Nutz- oder mehr den Repräsentationsbauten zugeordnet waren und die Perronhallen, wenn denn letzteres der Fall sei, deshalb künstlerischer ausgestaltet werden müssten. Die mit enormem gestalterischen Aufwand nach der Mitte der 70er Jahre besonders in den Großstädten entstandenen Anlagen galten schließlich als Spiegel des Lebensgefühls einer Epoche, in dem die Eisenbahn zum Inbegriff des Fortschritts geworden war. Die Fassaden schienen gleich Kulissen einer neuen Inszenierung von Lebensstil, zu dem im 19. Jahrhundert in ganz neuen Dimensionen das Reisen und damit auch das Ankommen und Abfahren gehörte. Dabei steigerten die Bauherren zwar das Stilrepertoire der Vergangenheit in grandiose Bauten des Fortschritts, gleichzeitig aber hüllten sie die „Kathedralen der Mobilität“ in traditionelle Kleider. Im Gefolge des Bahnhofs entstanden geradlinige Straßenzüge hin zum Stadtkern. Dafür wurden entweder neue Straßen angelegt oder die bereits vorhandene Chausseen in einem solchen Umfang ausgebaut, dass diese ihr früheres Antlitz oftmals völlig verloren: Gehen Sie die Leipziger Straße entlang, die zur Eisenbahn führt, heißt es im Morgenblatt für gebildete Leser, man kennt sie nicht wieder, ein Hin- und Rückstrom von Fußgängern, Droschken, Kutschen und anderen Fuhren; die festen, massiven Häuser dröhnen unter der fortwährenden Erschütterung, und Bewohner, welche vordem hier eine stille, schöne Straße, mit den Vorzügen von naher Landschaft und Grün der Bäume und des Feldes gesucht, möchten wieder tiefer in die Stadt hinein, um die verlorene Ruhe zu suchen." Die Bahnhofstraßen wurden vornehmlich mit dem Ziel geplant, einen verbesserten Zugang zur neuen Innenstadt zu schaffen und gleichzeitig Platz für große Repräsentationsgebäude des Bürgertums: für Kulturbauten wie Museen, Theater, Ausbildungsstätten und Bibliotheken, für Verwaltungsgebäude und Polizeipräsidien, für Geschäfts- und Kontorhäuser, für Telegraphen- und Postämter, für Kaufhäuser und Ladenpassagen. Zugleich mit ihnen entstanden öffentliche Räume, die mit ihren Denkmälern die sich etablierenden städtischen und staatlichen Machthaber, in Einvernehmen und auch in Abgrenzung voneinander für Einheimische und Fremde sinnlich begreifbar machten. Mit dem Historismus artikulierte sich eine Symbolik, die jenseits von den besonders seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts existenziellen ökonomischen Umbrüchen, gesellschaftlichen Konflikten und den mit ihnen drohenden Unsicherheiten eine sozial geordnete Welt zeitloser Prägung versprach. In ihr konnten 168 Morgenblatt für gebildete Leser 294 (1838), zit. nach Riedel, Manfred: Vom Biedermeier zum Maschinenzeitaltcr. In: Archiv für Kulturgeschichte 43 ( 1961), S. 1 16-125, hier S. 121.

Next

/
Thumbnails
Contents