Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße
Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße sich die Individuen mit scheinbar schon immer existenter und deshalb unhinterfragter Macht identifizieren und sie mittels prestigeträchtiger Stilisierung von Fassade und Wohnung imaginär und partiell auch real ausüben. Die Aneinanderreihung prunkvoller Objekte wurde allerdings nur deshalb zum symbolischen Raum, weil die Bevölkerung begann, ihn zu „beleben“, weil sie sich fähig und bereit zeigten, ihm einen Sinn zuzuweisen. Dies geschah auf jeweils spezifische Weise - alltags, im routinierten Kontakt, und besonders eindringlich in Ritualen und den ihnen zugeordneten Festen. Der ritualisierte Gebrauch der Bahnhofstraße Besonders wirksame Stabilisatoren in einer scheinbar in Auflösung befindlichen Welt, in der alte Werte unterzugehen drohten und in der, besonders augenfällig, das vertraute Stadtbildrasante Veränderungen erfuhr, waren die politischen bürgerlichen Feste. Dabei wirkten die Rituale anlässlich des Sedanstages, der Wiederkehr von Schlachtensiegen, der Regimentsjubiläen und der Kaiser- sowie Landesfürstengeburtstage, die auf mehreren Ebenen gemeinschaftsstiftend und damit identitätssichemd wirkten, zumindest bis zum Ende des 19. Jahrhunderts für einen großen Teil des Stadtbürgertums besonders anziehend. In unterschiedlicher Gewichtung kamen sie zunächst einmal dem speziell von liberalen Kreisen gehegten Wunsch nach, dem neugegründeten Reich einen Nationalfeiertag zu geben, der bewusst mit Erinnerung an Sedan, an den Waffengang überhaupt verbunden war. Auf einer darunter liegenden regionalen Bezugsebene erwies sich das Gefühl einer Bedrohung durch preußische Hegemonialansprüche als wichtige Motivation, eigene Regimentsbeziehungsweise Schlachtenjubiläen zu feiern und damit die Bedeutung der eigenen Landeskinder im Krieg und bei Entstehung des Reiches gebührend zu würdigen. Und nicht zuletzt bedeuteten diese Rituale, die Erinnerung an ein in Europa bisher unvergleichliches massenhaftes Töten erträglich zu machen. Daneben festigten Feiern, die technische, wissenschaftliche oder bauliche Höchstleistungen - so die Bahnhofseröffnungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts - würdigten, die Gemeinschaft. Eine ähnliche Rolle spielten die Feiern der Kultumation - etwa Theater- und Museumseröffnungen, Einweihungen von Dichterdenkmälem oder Kulturwochen. Verbindlich blieb, dass sich die jeweils versammelte Gemeinschaft auf zukünftige Entwicklungen stützen konnte, wobei diese sowohl beharrende als auch auf Veränderung drängende Inhalte vereinten. 169