Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

Ralf Roth Milieu kam am Ende des 19. Jahrhunderts eine Welle von kritischen Reflexionen zum Leben in der Großstadt.4'’ Vielfach spielte in den stadtkritischen Reflexionen das Motiv der Eisenbahn eine zentrale Rolle. Das geschah nicht ohne Grund, denn die Eisenbahn eröffnete nicht nur neue Chancen und Perspektiven, sie führte auch zu Verwüstungen. Sie hob keineswegs, wie in einigen frühen Visionen beschrieben, den Gegensatz von Stadt und Land auf, sondern ließ die Städte in die Region ausufem. Umgekehrt wurde ein immer gewaltigeres Bahnsystem aufgebaut, dessen zahlreiche Bauten, Streckenanlagen, Brücken, Stellwerke und Bahnwerke sich weniger durch sorgfältige Gestaltung als durch nüchterne „industrielle“ Funktionalität auszeichneten. Diese Anlagen traten prägnant in den neuen Stadtlandschaften hervor und zogen durch ihre Allgegenwart und Auffälligkeit die Kritik auf sich.46 47 In Romanen und Gedichten sowie in Gemälden und Bildern griffen Literaten und Künstler auf, was sie sahen, nämlich, dass die Städte immer mehr von der Industrie geprägt waren und sie sich immer mehr von dem Traum vom großzügigen Leben in der Region, im „Grünen“, entfernten. Statt „Tusculi am Neckar“, wie sie am Beginn des 19. Jahrhunderts versprochen worden waren, dominierten am Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Städten lebensfeindliche Industrielandschaften. Es finden sich viele Beispiele, die zeigen, wie Künstler das Motiv der Eisenbahn benutzten, um ihre Kritik an der Metropole Berlin auszudrücken. Julius Hart beschrieb beispielsweise in seinem Gedicht „Auf der Fahrt nach Berlin" eindrucksvoll den Übergang von natumahen Landschaften in das Industriezentrum Berlin: Von Westen kam ich, - schwerer Heideduft Umfloß mich noch, vor meinen Augen hoben Sich weiße Birken in die klare Luft, Von lauten Schwärmen Krähenvolks umstoben, 46 Die Kritik am „Moloch“ Stadt war eine Form des Kulturpessimismus in der Endzeitstimmung des fin de siècle. Vgl. Engeli, Christian: Die Großstadt um 1900. Wahrnehmungen und Wirkungen in Literatur, Kunst, Wissenschaft und Politik. In: Die Stadt als Moloch? Das Land als Kraftquell? Wahrnehmungen und Wirkungen der Großstädte um 1900, hrsg. von Clemens Zimmermann und Jürgen Reulecke. Basel u. a. 1999, S. 21-51. Diese Bewegung ging mit einer allgemeinen Unzufriedenheit über die kulturellen und soziale Wirklichkeit der Zeit einher. Zwischen 20 und 24 Prozent aller Literaten und Künstler hielten sich zu dieser Zeit in Berlin auf. Vgl. Brunn, Gerhard: Berlin (1871-1939) - Megapolis Manqué? ln: Megapolis: The Giant City in History, ed. by Theo Barkerand Anthony Sutcliffe. Leicester 1993, S. 97-115, hierS. 104. 47 Zur Gestaltung der Eisenbahnanlagen vgl. Kubinszky, Mihäly: Architektur am Schienenstrang. Hallen, Schuppen, Stellwerke. Architekturgeschichte der Eisenbahn-Zweckbauten. Stuttgart 1990. 156

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