Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt
Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt Vorbei die Spiele, durch den Nebelschwall Des grauenden Septembermorgens jagen Des Zuges Räder, und vom dumpfen Schall Stöhnt, dröhnt und saust’s im engen Eisenwagen [...] Die Fenster auf! Dort drüben liegt Berlin! Dampf wallt empor und Qualm, in schwarzen Schleiern Hängt tief und steif die Wolke drüber hin, Die bleiche Luft drückt schwer und liegt wie bleiern [...] Ein Flammenherd darunter - ein Vulkan, Von Millionen Feuerbränden lodernd, Ein Paradies, ein süßes Kanaan, Ein Höllenreich und Schatten bleich vermodernd.48 Den naturalistischen Schriftstellern mit ihrer kritischen Lyrik und Poesie standen die Berliner bildenden Künstler nicht nach. Auch sie setzten sich intensiv mit der Eisenbahn als Symbol der Moderne auseinander, rückten die von der Technik umgestalteten Zivilisations- und Stadtlandschaften in den Mittelpunkt ihrer Darstellungen und schufen auf diese Weise eindrucksvolle Dokumente der verlorenen Natur. Die Besonderheiten der Großstadtmalerei des deutschen Impressionismus treten bei Franz Skarbina markant hervor.49 In seinem 1895 entstandenen Bild „Gleisanlage 48 Hart, Julius: Auf der Fahrt nach Berlin. In: Großstadtlyrik, hrsg. von Waltraud Wende. Stuttgart 1999, S. 45 f. Einen ähnlichen Gegensatz formuliert Jakob van Hoddis in seinem Gedicht „Morgen“. Vgl. ebenda, S. 96. Hart und Hoddis waren bedeutende Mitglieder der Naturalisten. Ihre Stücke betonten die allgemeine Kritik an den dunklen Seiten des städtischen Lebens, der Nervosität, dem Lärm und sonstiger Umweltlasten. Vgl. Pereis, Christoph: Vom Rand der Stadt ins Dickicht der Städte. Wege der deutschen Großstadtliteratur zwischen Liliencron und Brecht. In: Die Stadt in der Literatur, hrsg. von Cord Meckseper und Elisabeth Schraut. Göttingen 1983, S. 57-80; Sofsky, Wolfgang: Schreckbild Stadt. Stationen der modernen Stadtkritik. In: Die Alte Stadt 13 (1986), S. 1- 21; Schubert, Dirk: Großstadtfeindschaft und Stadtplanung. Neue Anmerkungen zu einer alten Diskussion. In: Ebenda, S. 22-41. Zum aktuellen Forschungsstand über die Großstadtfeindschaft vgl. Lees, Andrew: Cities, Sin, and Social Reform in Imperial Germany. Ann Arbor/Michigan 2002, S. 23-48. 49 Er studierte in den sechziger Jahren in Berlin Malerei. Eine längere Reise führte ihn nach Oberitalien, Holland, Belgien und Frankreich. Zurückgekehrt lehrte er seit 1878 an der Berliner Akademie und wurde 1888 zum Akademieprofessor ernannt. Im Jahre 1892 zählte Skarbina zu den Mitbegründern der unabhängigen Künstlergruppe „XI". Einige Jahre später schloss er sich der Berliner Secession an. Neben Genrebildern und Szenen aus dem Rokoko, widmete sich Skarbina ab Mitte der Achtziger Jahre, nach seinem Frankreichaufenthalt, verstärkt dem Themenfeld Großstadt. Zu Skarbina vgl. 157