Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

unterliegen, dass diese Jahr zu Jahr mehr um sich greifende Sitte alljährlich Massen in Bewegung setzt, gegen die die Zahlen der Volkswanderung winzig erscheinen.59 Mit dem Bau der Nordbahn von Berlin nach Stralsund in den Siebzigerjahren und der Erschließung der Insel Rügen für den Eisenbahnverkehr in den Achtzigerjahren begann der Aufstieg zahlreicher Ostseebäder. Viele kleine Fischerdörfer wuchsen auf Grund der touristischen Nachfrage nach möglichst ursprünglicher Natur zwischen 1880 und 1900 zu größeren touristischen Gemeinden und Städten. Neben älteren wie Bad Doberan entwickelten sich vor allem Pölitz, Sassnitz und Binz auf Rügen, Wolgast, Zinnowitz, Koserow, Swinemünde, Wollin, Dievenow oder Polzin. Das auf Grund seiner Gleichförmigkeit und Mächtigkeit erstaunliche Phänomen lässt sich am Aufstieg des wilhelminischen „Kaiserbades" Sassnitz nachvollziehen. Konnte die langsam steigende Nachfrage der Badegäste in den Sechzigerjahren noch durch den Umbau der Fischer- und Bauernhäuser vom Typ des pommerischen Landhauses befriedigt werden, wobei holzgeschnitzte Baikone die Schlichtheit der ursprünglichen Fassaden verbergen sollten, so kam in den Achtzigerjahren der Bau von neuen Villen in städtischer Bauweise hinzu. Es setzte eine rege Bautätigkeit ein, die bald einen ungeahnten Umfang annahm, und in einem Zeitraum von drei Jahrzehnten das bisherige Fischerdorf in einen der größten und renommiertesten Badeorte um wandelte.4" Neben der schönen Küste bildete das Schloss „Dwasieden“ eine Attraktion des Seebades. Der Direktor der Disconto-Gesellschaft, Adolf von Flansemann, hatte es für vier Millionen Mark erbauen lassen. Er war durch den Eisenbahnbau zu Wohlstand gekommen und triumphierte im Jahr der Reichsgründung zusammen mit Bismarcks Privatbankier, Gerson Bleichschröder, über Bethel Elenry Strousberg, dem ungekrönten Eisenbahnkönig Deutschlands und übernahm die wichtigsten Teile seines Eisenbahnimperiums.* 40 41 Von den Gewinnen kaufte sich Flansemann 1872, dem Repräsentationsbedürfnis vieler Großunternehmer folgend, das Rittergut Lancken auf Rügen in der Nachbarschaft von Sassnitz und errichtete schließlich „Dwasieden“. ln den Neunzigerjahren war dieses Schloss mehrmals Aufenthaltsort für die kaiserliche Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt w Berlin und seine E i se n b ah n e n , Bd. 2, S. 47 f. 40 Ostseebad Sassnitz auf Rügen. Amtlicher Führer, hrsg. von der Bade-Direktion. Sassnitz 1925, S. 12. Vgl. auch Koch, Max: Zur Geschichte von Sassnitz. Sassnitz 1934, S. 45 u. 51. Zum Bau der Nordbahn vgl. Bley, Peter: 100 Jahre Berliner Nordbahn 10. 7. 1877-10. 7. 1977. in: Berliner Verkehrsblätter 24 ( 1977), S. 110-172, hier S. 111-114. Zur Architektur der Bäderhäuser vgl. Weber, Egon: Die Entwicklung des Ostseebades Sassnitz bis zum ersten Weltkrieg, ln: Greifswald-Stralsunder Jahrbuch 4 (1964), S. 1 17-180 u. Greifswald-Stralsunder Jahrbuch 5 (1965), S. 45-92. 41 Zu den Hintergründen vgl. Roth, Ralf: Der Sturz des Eisenbahnkönigs Bethel Henry Strousberg ein jüdischer Wirtschaftsbürger in den Turbulenzen der Reichsgründung. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 10 (2001), S. 86-112. 153

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