Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt
Ralf Roth Familie, die hier ihren Sommerurlaub verbrachte. „Wir haben die Kaiserin hier gehabt", schrieb die Rügensche Bade- und Hotelzeitung am 24. September 1890, und ein Bad, in dem dieselbe fünf Wochen, ihre Kinder acht Wochen verweilten, ein Bad, das einer solchen Auszeichnung unter allen deutschen Bädern gewürdigt worden ist, solch ein Bad muß noch eine große Zukunft haben.12 Die Besucher der kaiserlichen Familie bildeten die Grundlage für den Anspruch von Sassnitz auf den Titel „Kaiserbad", was nicht unerheblich zum weiteren Aufstieg des ehemaligen Bauern- und Fischerdorfes zum mondänen Seebad beitrug. Auf Grund seiner Popularität und seines gesellschaftlichen Lebens hegten immer mehr wohlhabende Bürger Berlins den Wunsch, sich in dem nur wenige Stunden entfernten Sassnitz niederzulassen, und bald entstand in einem weiträumigen Gebiet im Osten des Dorfes ein exklusiver Stadtteil mit 73 großzügigen Sommervillen und im Zentrum etablierten sich bis 1914 nicht weniger als 28 große Hotels.1’ Aus dem Kreise Berliner Rentiers wie Hansemann und dem aufstrebenden Bürgertum des Seebades sowie führender Mitglieder der Staats- und Eisenbahnverwaltung erwuchsen noch weiter gehendere Visionen. Es wurde ein Hafen für eine Eisenbahnfährverbindung nach Schweden zur Erschließung des skandinavischen Wirtschaftsraumes geplant. Mit Hilfe von Hansemann gelang es, den Kaiser für das Projekt zu interessieren und tatsächlich wurden Hafen und Fähre in erstaunlich kurzer Zeit realisiert.11 Mit der Nordbahn und ihrer faktischen Weiterführung bis nach Skandinavien erschloss sich Berlin somit im Norden eine Region mit weit reichenden wirtschaftlichen und politischen Entwicklungsperspektiven. Der Vorgang zeigt eindrucksvoll, wie die von Berlin ausgehenden Impulse mit Hilfe der Eisenbahn die Region noch in einer Entfernung von 300 Kilometern völlig umgestalteten. Wie in Sassnitz sprossen in vielen Orten entlang der Ostseeküste Tausende von Hotels und Zehntausende von Villen aus dem Boden. Die wirtschaftliche Dynamik war beeindruckend und sie wirkte auf Berlin zurück, denn die erfolgreiche Nordbahn verzeichnete rasch ansteigende Zahlen im Personen- und Güterverkehr. Auf Grund 42 43 44 42 Rügensche Bade- und Hotelzeitung (24. September 1890). Vgl. auch Koch: Zur Geschichte von Sassnitz, S. 57. Zu den Berichten über den Aufenthalt der Kaiserin vgl. Ostseebad Sassnitz auf Rügen,S. 11. 43 Vgl. Richters Reiseführer. Rügen 1914/15. O. O. u. J. ( 1914), S. 41-55. Archiv Stadt Sassnitz, LKS 747. Zu den Villen vgl. Ostsee-Freibad Sassnitz auf Rügen. Amtlicher Führer 1929, hrsg. von der Kur-Direktion. O. O. 1929, S. 79 ff. Archiv Stadt Sassnitz, LKS 364. 44 Vgl. Marschall, Birgit: Reisen und Regieren: Die Nordlandfahrten Kaiser Wilhelm II. Heidelberg 1991, S. 13-16. 154