Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

Ralf Roth Der Bürger sei mit der Eisenbahn nicht mehr darauf angewiesen, direkt in den wirtschaftlichen Zentren zu wohnen, um sein Auskommen zu haben: ,je nachdem es zusagt, wird der Eine sein Tusculum am Neckar, an der Murg oder Elz, oder am Wiesen aufschlagen.“12 * Insofern wurde die Eisenbahn als ein mächtiges Instrument für die Erschließung des Landes angesehen, die zum Abbau des Gegensatzes von Stadt und Land beitragen würde.1' Newhouse und andere Eisenbahnvisionäre verwiesen neben zahlreichen wirtschaftlichen Folgewirkungen auch auf die Möglichkeiten der kulturellen Entwicklung breiter Bevölkerungskreise durch das Reisen. Die Eisenbahn sollte es einem großen Kreis von Menschen ermöglichen, zu den Kulturstätten und Naturdenkmälern zu reisen und diese Idee stand wiederum im Kontext der bürgerlichen Aufbruchsbewegung des Vormärz, seinen Bildungsidealen und den zeitgenössischen romantischen Natureinsichten. Die visionäre Fantasie der Denkschriftenverfasser galt damit zwangsläufig auch einem neuen Typ von Stadt, der im Gefolge der sich ausweitenden Reiselust entstehen würde - den Tourismusstädten oder Kurorten. Verschiedene Denkschriften skizzierten als Folge des Eisenbahnbaus tatsächlich die Grundzüge eines Massentourismus und als dessen Konsequenz sahen sie einen neuen Stadttyp entstehen. Dieser würde Menschenmassen anziehen - auf Grund einer kulturellen Attraktion, dem Dienstleistungsangebot eines Heilbades oder einfach wegen einer schönen Landschaft. So prophezeite Newhouse bereits 1833 für die badischen Orte: Fremde aus allen Theilen Europas werden bei den herrlichen politischen Einrichtungen, die wir genießen, bei den Vorzügen und der Schönheit unseres Landes, noch unendlich häufiger, als es schon geschieht, uns besuchen und bei uns verweilen; angezogen durch alles, was Natur und Kunst, und hochausgebildete gesellschaftliche Verhältnisse zum schönsten Lebensglücke, Jedem anzubieten vermögen.14 * * * * 12 N e w h o u s e : Vorschlag zur Herstellung einer Eisenbahn, S. 126. " Gedanken über Eisenbahnen, S. 52. Das begeisterte auch das Berliner Eisenbahnkomitee. Um die Pläne im großen Maßstab durchführen zu können, beschränkten sich seine Mitglieder nicht auf die Bandstadtvision der Mannheimer oder die Stemstruktur der Wiener, sondern dachten bereits über eine Ringbahn für Berlin nach. So hatte A. W. Beyse in Anlehnung an Pariser Pläne schon 1843 ein Ringbahnkonzept für Berlin vorgelegt, mit dem eine Verbindung zwischen den separaten Strängen der verschiedenen Eisenbahngesellschaften hergesteilt werden sollte. Beyse, A. W.: Unparteiische Beurteilung der letzten Schrift des Herrn David Hansemann über die Ausführung der Preußischen Eisenbahnen. Eine der Zeit angemessene kleine Schrift. Köln 1843, S. 15 14 Newhouse: Vorschlag zur Herstellung einer Eisenbahn, S. 22. „Touristen" [sic!] könnten rasch, das schöne badische Land „durcheilend, entweder auf den Weißenstein oberhalb Solothurn, oder auf den Heiligenberg über dem Bodensee, oder an den Rheinfall bei SchafYhausen und in die innere Schweiz, auf den Righi, oder in die Berner oberländischen Alpenthäler, an den Fuß des Montblanc und des Montanvert an das Eismeer der Alpen, und auf die Straßen, die nach Italien, in die Ebenen der 140

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