Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Neue Erkenntnisse bei der Beobachtung Anderer Kontingente: Die Tätigkeit des Hauptmanns Carl Wójcik
Europas überschwemmten haben chinesische Flotten die Inseln des Sunda Archipels Ceylon und den persischen Meerbusen mit vielen Erfolgen angegriffen. Später unter der Ming-Dynastie und der Herrschaft der jetzt regierenden Mandschuren sind von den Chinesen noch langwierige Kriege geführt worden, und ihre Nachbarn haben oft Gelegenheit gehabt, sich von der Tapferkeit der chinesischen Soldaten zu überzeugen. Als Ursache des Niederganges der militärischen Tüchtigkeit der Chinesen wird die Bestrebung der Mandschuren bezeichnet, die besiegten Chinesen in Unterwürfigkeit zu erhalten und daher in ihnen alle militärischen Tugenden zu unterdrücken. Mit der Zeit geng [sic!] auch die Kriegstüchtigkeit der Sieger verloren; die Organisation der er Mandschu-Truppen blieb bestehen; die jährlichen Prüfungen im Bogenschiessen und Reiten, dann die vorgeschriebenen Uebungen wurden nach wie vor abgehalten und selbst der Gebrauch der Feuerwaffen wurde geübt, aber der Emst fehlte und ein Jahrhundert des Friedens machte aus den Kriegern, die China erobert haben und bis an die Grenzen Indiens vorgedrungen waren, nur noch sogenannte Stadtsoldaten. Das Bogenschiessen word [sic!] noch heute geübt und bildete bisher den hauptsächlichsten Gegenstand bei den jährlichen Besichtigungen der Truppen, trotz aller Proteste, von seiten einzelner Würdenträger und Generale in dieser Beziehung beantragt haben. Auch Scheibenschiessen mit Gewehren fand bei diesen Inspicierungen statt, aber in einer Weise, die kaum als eine Prüfung der Fertigkeit im Gebrauche der Feuerwaffen angesehen werden kann. Während des sogenannten Opiumkrieges in den Jahren 1841 und 1842, wo der erste Zusammenstoss mit einer europäischen Macht erfolgte, entwickelte ein grosser Theil des chinesischen Heeres noch ziemlich gute soldatische Eigenschaften und die Engländer hatten hier schwere Mühe. Seit dieser Zeit brachte das Opium und die geistigen Getränke, welche von Jahr zu Jahr in grossem Mengen eingeführt wurden, die moralischen Eigenschaften des Volkes und somit auch des Soldaten rapid abwärts, was schon im französischen-chinesischen [sic!] Kriege, 1883-1885 deutlich zu Tage tritt, trotzdem auch noch hier die chinesischen Truppen einige gute Leistungen aufzuweisen haben. Der letzte japanisch-chinesische Krieg 1894-95 zeigte nun die Folgen dieses sich langsam entwickelnden Zersetzungsprocesses im Heere in ganz auffallender Form und die seit dieser Zeit gemachten verhältnismässig grösseren Bemühungen der Regierung zur Hebung der Wehrfähigkeit konnten nicht nur wegen der Kürze der Zeit sondern hauptsächlich wegen der bereits zu tief eingewurzelten Corruption keine wesentliche Besserung bewirken. Laut Aussagen japanischer Officiere welche den Krieg 1894-95 mitmachten, benahmen sich die Chinesen dort, wo sie einen tüchtigen Führer hatten, in der Regel auch sehr tapfer, sie hatten aber sehr wenig tüchtige Führer, und da in ihnen das Gefühl des Patriotismus wenig entwickelt ist. fehlte ihnen auch in der Regel ein Grund zur Begeisterung, der in ihnen den Muth hätte wecken können. Es wird von japanischen Officieren, welche über China am besten orientiert zu sein scheinen, behauptet, dass der Chinese ein sehr guter Soldat wäre, wenn man ihn als solchen für etwas begeistern könnte. Die Kämpfe mit den Boxern im Jahre 1900 und 1901 bestätigen diese Ansicht denn die Boxer welche sich bekanntlich für eine Idee begeistern, legten eine Unerschrockenheit an den Tag, welche in einzelnen Fällen als mustergiltig bezeichnet wird. (Darunter werden hier nicht jene, mit „Boxer“ bezeichneten vielen Banden genannt welche ausschliesslich auf Raub ausgingen, sondern die organisierten Boxerabtheilungen, welche wie sie selbst sagten - zur Rettung des Landes in den Kampf zogen. Es gam [sic!] oft vor, dass auch verhältnismässig sehr schwache Boxerabtheilungen in ihren Stellungen bis zum Aeussersten aushielten und sich von den Bajonetten der Stürmenden schliesslich durchbohren liessen ohne Miene zu machen, fliehen zu wollen. Neue Erkenntnisse bei der Beobachtung anderer Kontingente ... 598