Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Neue Erkenntnisse bei der Beobachtung Anderer Kontingente: Die Tätigkeit des Hauptmanns Carl Wójcik
Georg Lehner - Monika Lehner Als eine der Hauptursachen fur die Mängel in der chinesischen Armee werden die chinesischen Officiere angesehen, welche selbst auf höheren Posten zumeist gar nicht vorgebildet sind, so dass eine Führung oder Leitung der Truppen im modernen Sinne nicht möglich erscheint. Die Kriegswissenschaften, welche bei den Chinesen früher auf hoher Stufe standen, sollen gegenwärtig nur noch ausnahmsweise von einzelnen Officieren flüchtig gepflegt werden. Diese Kriegswissenschaften bestehen noch zumeist aus Auszügen von früheren, aus dem Alterthume stammenden Büchern und nur bei den wenigen nach europäischen Muster organisierten Truppen haben auch moderne Reglements Eingang gefunden. Im Alterthume, noch vor Christi Geburt galt in China die Kriegskunst als die erste Kunst beziehungsweise Wissenschaft.2329 Später im 8ten Jahrhundert nach Christi, als die Kämpfe mit den Nachbarvölkern seltener wurden, ist die Kriegswissenschaft aus der Reihe der ersten Wissenschaften gestrichen worden und blieb nur noch eine der vierzehn philosophischen Disciplinen. Dennoch erfreuten sich noch zu dieser Zeit die ältesten, aus dem 6ten und 4ten Jahrhundert vor Cr. [sic!] stammenden, angeblich vorzüglichen Werke über die Kriegskunst (Sun-tze [Sunzi] und Wu-tze [Wuzi]) der grössten Autorität, welche in vieler Beziehung noch bis auf die neueste Zeit erhalten blieb. Von den neueren Werken hat das im Jahre 1621 verfasste Wu-pei-chi [Wubeizhi2330] einen grossen Ruf. Dieses Werk besteht aus 240 Büchern; welche alle Zweige der Kriegswissenschaft in umständlicher Weise behandeln. Von diesen Büchern handeln 111 über Taktik und dergleichen und enthalten zumeist Abdrücke oder Auszüge aus den Werken des Alterthums, 41 Bücher handeln über Disciplin und Exercitien, 53 über Kriegsmaterial, Transportdienst und Küstenvertheidigung und 95 von der militärischen Wahrsagekunst. Viele der in diesen Büchern aus dem Alterthum stammenden Lehren enthalten auch noch heute gütige Grundprincipien über den Krieg, zuweilen in sehr kleiner, manchmal in etwas sonderbarer Form.2331 Einzelne Stellen dieser Bücher, die in den Werken M.v. Brandt’s u. A. wiedergegeben sind, werden zur Characterisierung der chinesischen Kriegslehren nachfolgend auszugsweise angeführt. So heisst es in einem mit Grundlehren der Kriegskunst betitelten Kapitel: ,Das Heer ist das wichtigste im Staat; von ihm hängen Leben und Tod der Unterthanen und das Wohl und Wehe des Reiches ab. Sich nicht ernsthaft mit ihm beschäftigen, es nicht auf den höchsten Grad der Vollkommenheit zu bringen, heisst wenig Werth auf die Erhaltung des Theuersten legen, das man besitzt.“ 2329 Schon im Altertum war der Gegensatz zwischen wen [Literatur, Wissenschaft, Bildung im weitesten Sinne] und wu [militärische Tugend] klar ausgeprägt und immer wieder überwog eine Richtung. Die Schüler des Han Feizi (m. 223 v. Chr.) betonten in einer Art Gegenbewegung zum Intellektuellentum alles Militärische. 23311 Das Wubeizhi des Mao Yuanyi, eine breit angelegte Abhandlung über die Kriegskunst stellt eine Art Gegenstück zu dem 1040 erschienen Wujing zongyao dar. In beiden Werken werden technische Neuerungen beschrieben, so enthält das Wujing zongyao eine Beschreibung der Magnetisierung durch Remanenz, das Wubeizhi detaillierte Informationen über Feuerwaffen. Jacques G er net, Die chinesische Welt, Frankfurt am Main 1988, S. 377-379 und S. 606. 2331 Die „sehr kleine“ Form bezieht sich offenbar auf den Umfang dieser Werke. Die in Europa verbreiteten Schriften über die Kriegskunst wie etwa Clausewitz’ „Vom Kriege“ - umfassen Hunderte von Druckseiten, wogegen Bingfa von Sunzi ein eher schmales Bändchen ist. Zu letzterem vgl. Krysztof Gawlikowski, Michael Loe we , Sun tzu ping fa. ln: Early Chinese Texts: A Bibliographical Guide. Ed. Michael Loewe, Early China Special Monograph Series No. 2, Berkeley 1993, S. 446-455. 595