Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die Tätigkeit der K. U. K. Escadre für Ost Asien 1901

In der Nacht vom 29. auf den 30. Januar 1901 verschlechterte sich die Lage dramatisch: [...] Eisfelder von ganz bedeutender Größe und bis zu 40 cm Stärke [trieben] aus NO heran, weshalb ich um 4 1/2 h a. m. einen zweiten Schiffskessel heizen ließ. Das Eis traf den Bug des Schiffes mit einer Geschwindigkeit von 1- 1 1/2 Seemeilen, worauf letzteres langsam zu treiben anfieng. Als der zweite Kessel dampfbereit war, wurde die Maschine angesetzt, worauf sich das Eis spaltete und wegtrieb. Um 7 h morgens trat Stromwechsel ein, wodurch die großen Eismassen zurückgedrängt wurden. [...] 18 Die Witterung besserte sich kurzfristig, doch der Nordostwind trieb bald wieder große, bis etwa 50 cm dicke Eisfelder heran, welche die Schiffe ins Treiben brachten. Der Versuch, mit der sogleich bereit gestellten Maschine dem entgegenzuarbeiten hatte nur den Erfolg, die Fahrgeschwindigkeit, mit welcher das Schiff trieb, zu mäßigen. Ich ließ daher sofort einen dritten Kessel heizen und verließ, nachdem derselbe eingeschaltet war, den Ankerplatz.2218 2219 Damit begann für S.M.S. ,Aspern“ eine abenteuerliche nächtliche Irrfahrt. Im Vorfallenheitsbericht notierte LSK Wilhelm Weber lapidar, er hatte die Absicht, wenn thunlich, seewärts im eisfreien Wasser zu ankern oder aber nach Ching-wang-tau [Qinhuangdao] zu gehen. Keine dieser Absichten war jedoch durchführbar, weshalb ich gezwungen war nach Chefoo [Yantai/Zhifu] zu dampfen, wo ich nach stürmischer von Schneegestöber begleiteter Fahrt am 31. Nachmittag anlangte und unter Kung-kung-tau [Kongtongdao2220] ankerte.2221 Anhand des Reiseberichtes2222 lassen sich die dramatischen Ereignisse jener Nacht besser rekonstruieren - und um die packende Schilderung wirken zu lassen, soll sie hier ungekürzt wiedergegeben werden: Als am 30. Jänner 6 h 20 m p. m. die Eisverhältnisse das plötzliche Verlassen des Ankerplatzes von Shan-hai-kuan [Shanhaiguan] nothwendig machten, hatte ich die Absicht, thunlichst nahe im eisfreien Wasser zu ankem. Ich steuerte deshalb im Curse SO senkrecht von der Küste weg, fand aber gegen jede Erwartung durch lange Zeit festes, zusammenhängendes Eis. Zeitweise war es so fest, dass das langsam fahrende Schiff darin steckenblieb und es der vollen Dampfkraft der 3 in Betrieb stehenden Kessel bedurfte, um durchzukommen. Als das Schiff in der angegebenen Richtung steuernd um 3 h 40 m in eisfreies Wasser gelangte, war das auf 10 sm sichtbare Leuchtfeuer von Shan-hai-kuan [Shanhaiguan] trotz klarer Nacht schon außer Sicht, der Gürtel des festen Eises muß also mindestens eine Breite von 10 sm vom innegehabten Ankerplatz aus gemessen gehabt haben. Da der Wind bereits zur Stärke 9-10 aufgefrischt hatte und hoher Seegang war, konnte von einem Ankem nicht mehr die Rede sein, die Möglichkeit vor Ching-wang-tau [Qinhuangdao] eisfreies Wasser zu finden, war unter den vorherrschenden Verhältnissen ausgeschlossen, da das Eis ja dahin trieb. Ein Versuch, dorthin zu gelangen, versprach somit nicht nur keinen Erfolg, sondern konnte das Schiff auch in gefährliche Lagen Die Tätigkeit der k. u. k. Escadre für Ostasien 1901 2218 KA, MS/OK 1901-IV-23/4, No. 639, fol. 40v, Commando S.M.S. „Aspern“ an ECiO, Res. No. 14, Chefoo, 1.2.1901. 2219 Ebenda, fol. 41', Commando S.M.S. „Aspern“ an ECiO, Res. No. 14, Chefoo, 1.2.1901. 2220 Dem Hafen von Yantai/Zhifu vorgelagerte Inselgruppe. 2221 Ebenda, fol. 41, Commando S.M.S. „Aspern“ an ECiO, Res. No. 14, Chefoo, 1.2.1901. 2222 Ebenda, fol. 25', Commando S.M.S. „Aspem“ an ECiO, Res. No. 13 (Abschrift), Chefoo, 1.2.1901. 565

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