Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die Tätigkeit der K. U. K. Escadre für Ost Asien 1901
Georg Lehner - Monika Lehner Bei niederen Temperaturen muss vor Allem für genügende Bekleidung und reichliche Nahrungsaufnahme gesorgt werden. Da, wie bekannt, bei abgekühlten Menschen eine ausgesprochene Apathie und Schlafsucht vorhanden ist und der Erfrierungstod durch mangelhafte Muskelbewegung, durch ruhiges Verhalten der betreffenden Individuen befördert wird, so trachte man dieselben im kritischen Momente in steter Körperbewegung zu erhalten. Im hohen Grade unterstützt wird der schädliche Einfluss der Kälte durch Alkoholgenuß, der zwar Hyperämie |:Blutüberfüllung:| der Haut und dadurch zunächst Wärmegefühl, aber dann auch vermehrte Wärmeabgabe herbeiführt. Alles was die Übermüdung begünstigt, ist zu vermeiden. Muss außerhalb im Freien übernachtet oder geruht werden, so ist das Streben dahin zu richten, die Entwärmung möglichst gering zu gestalten. Aufsuchen von windstillen Plätzen, Lagerung auf schlechten Wärmeleitern: auf Stroh, Laub, Zweigen etz. [sic!], zu Deckung mit ähnlichen Materiale. Eingraben in den Schnee ist Nothbehelf in der äußersten Lage. Ganz besonders sind die peripheren Körpertheile, die Zehen und Finger, die Füße und Hände, die Nase und die Ohrmuscheln der Gefahr des Erfrierens ausgesetzt. Um demselben nach Thunlichkeit vorzubeugen, sind außer der entsprechenden Fuss- und Handbekleidung und Ohrenlappen, die Einreibungen mit Fett als geeignete Gegenmaßregeln in Anwendung zu bringen.22'4 Damit bei den niedrigen Temperaturen die Rohrleitungen nicht einfrieren konnten, mussten „die Bootswinden sowie sämmtliche Ventilstationen in den Kesselräumen vorgewärmt und unter dem Dampfbarkkessel kleine Feuer gehalten werden.“2215 Wie wichtig die ständige Bereitschaft der Dampfbarkasse war, zeigte sich bald: Bei mäßigem Nordostwind wurde am 15. Januar ein Seitenboot an Land entsandt. Die See war bis auf einen schmalen Streifen unter Land eisfrei: Dieser [Streifen] bestand, wie es sich zeigte, aus einem zähen, dicken Brei, in welchem das Boot fast die ganze Manövrierfähigkeit verlor, [und] in Gefahr war, von der Dünung dwars geworfen und gefüllt zu werden. Es gelang jedoch dasselbe ohne jeglichen Schaden am Lande aufzuholen.2216 Zur Unterstützung wurde die Dampfbarkasse zweimal - erstmals am Abend dieses Tages und dann am folgenden Morgen - ausgesetzt, die Barkasse konnte jedoch nichts ausrichten.2217 Wegen des auffrischenden Windes und der stärkeren Eisbildung konnte das Seitenboot erst am 18. Januar - mit Hilfe der Dampfbarkasse an Bord zurückkehren. Eisbildung, Dicke, Festigkeit und Größe der Schollen nahmen zwar zu, doch gab es vorerst keine besonderen Schwierigkeiten - wenn auch kleinere Boote immer wieder im Eis stecken blieben. * 1900 KA, MDT Kart. 1, fol. 47', Escadre-Commando-Tagesbefehl No. 48, Taku-Rhede, 13. November 1900. [Hier werden nur Präventivmaßnahmen zitiert, doch wurden im Folgenden auch Maßnahmen zur Ersten Hilfe bei Erfrierungen erläutert.]. KA, MS/OK 1901-IV-23/3, No. 560, fol. 26r, Commando S.M.S. „Aspem“ an ECiO, Res. No. 8 (Abschrift), Shan-hai-kuan, 16.1.1901. KA, MS/OK 1901-1V-23/4, No. 639, fol. 38r, Commando S.M.S. ,Aspern“ an ECiO, Res. No. 14, Chefoo, 1.2.1901. Wie schwierig das gewesen sein muß, zeigt die beiläufige Bemerkung LSK Webers: „Ein russisches Boot, welches mit dieser Arbeit nicht zurechtkam, sank.“ (Ebenda). Bei dem zweiten Versuch hatte der Wind so rasch aufgefrischt, daß die Barkasse weder den Landeplatz erreichen noch an Bord zurückkehren konnte und daher auf einem deutschen Transportschiff für einige Stunden Zuflucht nehmen mußte. Siehe Ebenda. 564