Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten

hätte. Als ich die Depesche Eurer Majestät empfing, setzte sofort mein Puls aus, meine Zunge belegte sich, ich war krank geworden, und warte nur die nächste Nachricht ab, ob mein Leiden behoben ist oder ob es unheilbar wird. Man hatte uns einige Offiziere entgegengeschickt, denen ich gnädig die Hand zum Kusse reichte, denn ich weiß, daß Hochmut ein Laster ist. Diese Leute tragen zweifarbige Gewänder, die man, weil sie das Volk bezahlt, den Rock des Kaisers nennt; auch schleppen sie an ihrer Seite Säbel, eine gefährliche Waffe, der, wie mir ein Oberst versicherte, nur ein Regenschirm überlegen ist. Als ich ihnen mittheilte, daß ich vorerst doch nicht nach Ber-lin kommen könne, schien sie sehr verblüfft; aber ich zuckte die Achseln, was wie ich weiß, eine sehr diplomatische Bewegung, ja der wichtigste Theil diplomatischer Thätigkeit ist. die meisten Officiere sind nach Ber-lin zurückgefahren, sie verdanken uns einen hübschen Ausflug. In dem Hotel, in das mich eine Krankheit, deren Symptome und Name ich Eure Majestät zu bestimmen bitte, gebannt hat, bin ich aber weder ohne Gesellschaft noch ohne Zerstreuung, Manche Besuche stürmen meine Zimmer, als ob sie die Taku-Forts wären. Das sind die Journalisten, Vertreter der siebenten Großmacht, vor denen wir uns ebensowenig zu fürchten brauchen wie vor dem anderen halben Dutzend. Sie wollen von mir alles Wichtige erfahren und betrachten mich als lebenden Supplementband eines Buches, Namens Conversations-Lexikon, aus dem, wie ich höre, die Europäer ihrer Bildung beziehen. Interessante sind andere Eindringliche, die mir alles Mögliche anbieten, Religionen und Waaren. Mit den Commis voyageurs der Religionen bin ich kurz, ich weiß, daß man mit Missionen beginnt und mit Bombardements endigt. Aber kaum habe ich mich ihrer erwehrt, so drängen sich schon andere Kaufleute und Agenten ein. Der Eine bietet mir 400 Millionen Schnurrbartbinden an und will nicht begreifen, daß zum mindesten die Chinesinnen doch keine solchen brauchen; ein Anderer offerirt mir für meine zukünftigen Kriege unzerstörbare Lorbeem aus Asbest und erzählt mir, daß er auch in Deutschland dafür Absatz gehabt habe; ein dritter will nicht eher ruhen bis jeder Chinese eine Plättmaschine zu Hause hat, ein Vierter liefert besonders kleine Hühneraugenringe für die Füßchen unserer Damen; ein Fünfter drängt, daß wir seine Seife benützen - was doch einer geheiligten Jahrtausende alten Gewohnheit wiederspricht - oder uns mit seiner Pasta die Stiefel putzen, wenn wir kein Stiefel tragen, so könnten wir sie ebensogut als Haarpomade verwenden. Ja ein anderer Geschäftsmann, der sogar Baron sein soll, und in Kunst macht, will mit seinem Variété eine große Chinesische Tournée unternehmen. Alle diese Leute sind sehr eifrig, ich vermuthe, daß diese uns angebotenen Güter die ,heiligsten Güter der Nation' sind, von denen man hierlands so oft spricht und für die diese Barbaren gegen uns in den Krieg zogen. Vor Allem aber suche ich, mich über die europäische Politik zu informiren. Dann darf man aber keine Blaubücher verwenden da diese ihren Namen davon haben, daß in ihnen das Blaue vom Himmel heruntergelogen wird. Ich habe mir deßhalb einen verläßlichen Specialeuropäer angestellt, den ich über alles Wissenswerthe ausfrage. Er hat mir die unglaublichsten Dinge erzählt; so behauptete er, daß hier das Gerücht verbreitet wäre, ich sei nach Ber-lin gekommen, um Verzeihung zu erbitten, Eure Majestät werden die Ursache nicht ahnen. Man denkt hier nämlich noch an das - von uns beschleunigte - Ableben des deutschen Gesandten. Ich bin natürlich über dieses widerwärtig gute Gedächtnis empört, kann auch nicht begreifen, weßhalb die Deutschen wegen eines ihrer Mandarinen so viele Umstände machen. Schließlich - uns kann es gleichgiltig sein, denn wir wissen, daß die gepanzerte Faust sich bald in eine geöffnete Hand verwandelt, die Concessionen und Entschädigungen einstecken will. Aber wie kennzeichnend ist dieses anmaßende Mißverstehen meiner kleinen Studienreise für den europäischen Hochmuth. Es sind eben Cultur-Parvenus. Wir waren, da sie noch im Schoße der Zeit lagen, und wir werden sein, wenn ihre hastige und überstürzte Civilisation längst zerstoben sein wird. Sie haben einen kleinen Landfetzen und eine armselige Spanne Zeit; wir können ihr Ende ruhig abwarten, den wir sind die Ewigkeit. Die Mächte und die Friedens Verhandlungen im Spiegel der Berichte ... 529

Next

/
Thumbnails
Contents