Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten

Georg Lehner - Monika Lehner Mein Special-Europäer hat mir versichert, daß man in Deutschland mit den Erfolgen des Feldzuges nicht zufrieden sei. Ja, einige Leute behaupten, daß die zwei Maulesel und die Familie gelber Dackel, die Graf Waldersee nach Europa gebracht hat, eine zu spärliche Kriegsbeute seien. Dazu kommt noch, daß es jetzt den Kaufleuten und Fabrikanten schlecht geht, während der deutsche Name hochgegangen ist, ist die deutsche Industrie niedergegangen. Man tadelt die hohen Kriegskosten und findet, daß wenn man sie auf die paar geköpften Chinesen vertheilt, dieselben überzahlt sind; die deutschen Steuerträger erklären Mandarinenköpfe für eine schlechte Kapitals-Anlage. So spricht die Opposition, die man nicht, wie bei uns ganz todt, sondern nur - durch Preßprocesse - mundtodt machen kann. Denn über diese Dinge entscheidet hier der Richter, nicht der Scharfrichter. Wie bedauemswerth muß der Herrscher eines solchen Landes sein; er ist zu ewigem Schweigen verurtheilt. Seiner Regierung sind so kräftige und eindringliche Argumente wie ein guter Beilhieb versagt, und gegen eine schlechte Behauptung hilft doch eine gute Enthauptung am besten! Die officiöse Presse kann diese Lücke nicht ausfüllen. Wir haben also von diesem Staate kaum mehr etwas zu fürchten; überdies ist das Land in großer Erregung wegen eines neuen Zolltarifes, der durch Erhöhung der Getreide- und Viehzölle der um sich greifenden Gefräßigkeit entgegenzuwirken sucht. Wir haben in Asien andere, weniger umständliche Systeme, um ein Land zu Grunde zu richten; aber es ist für Jemanden, der an die geordneten Verhältnisse Chinas gewähnt ist, sehr schwer, sich in die verworreneren Europas zu finden. Auch über die anderen Länder erfuhr ich von meinem Special-Europäer Manches. Er belehrte mich, daß die Mehrzahl von „Großmacht“ nicht „Großmächte“, sondern „Ohnmacht“ ist; das wissen wir. Von England erzählt er mir, daß dort ein Minister Namens Chamberlain erfolgreich gegen die Uebervölkerung arbeite; auch möge ich, wenn ich London besuche, nicht in den Nationalfehler des Wettens verfallen, keineswegs aber mich in einen Wettlauf mit einem englischen General einlasen. Von Frankreich erwähnt er, daß es eine Republik mit dem Czar an der Spitze sei, er ist der theuere Verbündete des Landes und hat schon acht Milliarden entgegengenommen; dafür darf Frankreich an Elsaß-Lothringen vergessen. Rußland kennen wir, es wartet - und wenn ich mir die alten Landkarten anschaue, so merke ich, wie gesund, diese Beschäftigung ist und wie dick es dabei geworden ist. Dann soll es auch einen Staat Namens Oesterreich geben, in dem verschiedene Völkerschaften dem Staate allerlei Landesüblichkeiten verursachen. Und doch haben sie alle nur Einen Wunsch: die Vorherrschaft. Wenn in diesem Lande die Abgeordneten Papierkugeln auf die Minister werfen, so pflegt man einige Monate darauf neue Bahnen zu bauen. Aber das glaube ich meinem Special-Europäer doch nicht; wenigstens sind solche Dinge eine chinesischen Hirne undenkbar! Wenn ich in Ber-lin in vierspänniger Carrosse triumphirend einziehen sollte - wie viel Pferde würden mich erst ziehen, wenn wir alle Gesandten umgebracht hätten! - werde ich pflichtschuldigst auch über meine dortigen Eindrücke berichten als Eurer Majestät ergebenster Diener und liebender Neffe Tschun [Chun]. 530

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