Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)
Die Mächte und die Friedensverhandlungen im Spiegel der Berichte Österreichisch-Ungarischer Diplomaten
Georg Lehner - Monika Lehner oder nur unbestimmte Gerüchte zu hören bekamen, die von den Erfolgen der Fremden aber sicherlich nichts berichteten.2065 Damit wird eine Frage in den Raum gestellt, die nicht schlüssig zu beantworten ist. Wurde die Yihetuan-Bewegung außerhalb der direkt betroffenen Gebiete tatsächlich rezipiert? In wie weit wurden die Bestimmungen des Protocole final überhaupt zur Kenntnis genommen? Diese Frage wurde in der „Nationalzeitung“ aufgeworfen: Was die chinesische Bevölkerung im Innem des Reiches von alledem erfahren wird, ist freilich ,eine wol aufzuwerfende Frage1. Aber dem würde unter allen Umständen so sein, einerlei was der chinesische Kaiser geschrieben, sein Bruder gestem gesagt und gethan und Kaiser Wilhelm darauf geantwortet hätte.2 In diesem Blatt wird auch die Überzeugung geäußert, die chinesische Seite habe es dem Prinzen leicht gemacht, doch ,,[d]urch die strenge und ernste Antwort, welche Kaiser Wilhelm ertheilte, ist dann die Bedeutung des ganzen Vorganges in das rechte Licht gerückt worden.“2067 Die „Vossische Zeitung“ dürfte den Nagel auf den Kopf getroffen haben: [...] Es scheint mithin, als ob alle nachträglich geforderten Aenderungen und Verschärfungen der Empfangsförmlichkeiten wieder aufgegeben worden sind. Nach der Sühneceremonie ist Prinz Tschun mit großen Ehren bedacht worden. Die Truppen mußten vor Ihm präsentieren; es fehlte auch nicht an der Cavallerie-Escorte, und nachdem er seine schwierige Aufgabe erledigt hat, wird Prinz Tschun anscheinend recht vergnügt in Potsdam und Berlin leben, ohne von der Empfindung belästigt zu werden, daß er als Büßer nach Deutschland gekommen ist. Immerhin, der Pflicht ist Genüge geschehen. Ende gut, Alles gut, und damit werden auch Diejenigen zufrieden sein, die wenig ,Sinn für die Feierlichkeit1 haben.2068 Die Sühne-Gesandtschaft bot auch der Satire breiten Raum, neben den Beiträgen in der humoristisch-satirischen Publizistik2069 gab es auch in „seriösen“ Tageszeitungen satirische Beiträge, wie zum Beispiel in der Neuen Freien Presse. Am 1. September 1901 - also noch bevor der „Sühne-Prinz“ in Potsdam empfangen wurde, brachte die Zeitung unter dem Titel „China auf Reisen“ einen von Ludwig Bauer gezeichneten fiktiven Brief den Prinzen an die Kaiserin-Witwe. Darin hieß es: An Tsu-Si [Cixi], Kaiserin von China, in Si-an-fu [Xi’an], Basel, 31. August 1901 Gehorsam dem Befehle Eurer Majestät, sende ich den verlangten Bericht über diese merkwürdige Stückchen Erde, genannt Europa, in das mich Eure Majestät mit einem so seltsamen Aufträge geschickt - fast möchte ich sagen: verbannt haben. Noch kann ich freilich über nichts Wesentliches berichten; denn Euer Gebot hält mich von Ber-lin [sic!] fern, wo ich gewiß einen tieferen Einblick in diese verwirrte Welt genommen 2065 2066 2067 2068 Triester Zeitung, Nr. 205 vom 7. 9.1901, S. 1. In dem Artikel „Die chinesische Sühnemission“ werden Meldungen aus der „Kreuz-Zeitung“, der „Nationalzeitung“ und der „Vossischen Zeitung“ abgedruckt. Ebenda. Ebenda. Ebenda. 2069 Siehe dazu: Georg Lehner, Der „Boxeraufstand“ im Spiegel der Wiener humoristisch-satirischen Presse. In: Wiener Geschichtsblätter, 54. Jg. (1999), S. 99f. 528