Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen

Georg Lehner - Monika Lehner positiv gegenüber zu stehen und suchte dafür Stimmung zu machen, stieß damit aber bei Czikann auf taube Ohren: Als ich von diesen Machenschaften erfuhr, erklärte ich sofort, dass ich ohne ausdrückliche Weisung meiner hohen Regierung nicht in der Lage wäre, mich einem so ungewöhnlichen Schritte anzuschliessen, der sicherlich nur eine, der Würde der diplomatischen Vertreter abträgliche, und dadurch das Ansehen der von uns vertretenen Regierungen schädigende Deutung erfahren könnte, dem chinesischen Hofe, besonders der Kaiserin-Witwe, bei der Rückkehr von der Flucht, die nur eine Folge des von ihr selbst patronisierten Boxeraufstandes war, eine entrée triomphale zu bereiten, hätten wahrlich weder die hiesigen Gesandtschaften, noch die Regierungen der Vertragsstaaten eine Veranlassung und in der chinesischen Presse, sowie im Volke würde gewiss ein solcher Schritt die Haltung der Gesandten möge dabei noch so reservirt und würdevoll sein, als eine erniedrigende Huldigung der gnädiglich in China geduldeten Fremden für die allmächtige Kaiserin-Regentin dargestellt werden.2028 Czikann setzte sich mit seiner Ansicht durch - das Diplomatische Corps lehnte es ab, beim Einzug des Hofes in Beijing nicht offiziell in Erscheinung zu treten. Danach kam vom Ersten Vizepräsidenten des Außenministeriums die Mitteilung, das Ministerium habe ein Haus an der Hauptstraße gemietet und dem Diplomatischen Corps reserviert, „um den Mitgliedern der Gesandtschaften und ihren Familien die Gelegenheit zu geben, den kaiserlichen Einzug bequem zu sehen.“2029 Die Ablehnungsffont blieb geschlossen, die Minister machten von der Möglichkeit keinen Gebrauch, nur die jüngeren Beamten und die Damen der Gesandtschaften folgten ihr. Den Missions-Chefs und den sonstigen Ausländem war übrigens die Möglichkeit geboten, von der Höhe des früher bei solchen Gelegenheiten ebenfalls strengstens abgesperrten Chien-mên’s [Qianmen] und der anschliessenden Mauer der Tartarenstadt, das durch einen Staubsturm ziemlich stark beeinträchtigte Schauspiel des kaiserlichen Einzuges anzusehen.2030 Ein Bericht der Antoinette von Wagensperg zur Rückkehr des Hofes wurde in den Jahrbüchern des Werkes der Heiligen Kindheit Jesu für Österreich-Ungarn abgedmckt. Darin heißt es: Die Kaiserin-Witwe, der Kaiser und die junge Kaiserin sind vorgestern, 7. Jänner, nach Peking [Beijing] zurückgekommen. Ein schneidender Wind und Wolken von Staub haben ihnen zu ihrem Einzuge in die Hauptstadt das Geleite gegeben. Zwischen den beiden Thoren angelangt, welche die Chinesenstadt von der Tartarenstadt trennt, steigen die Monarchen aus ihren gelben Tragsesseln aus, um den Götzen der Pagode ihre Verehrungen zu erweisen. Die daselbst mit ihren Commandanten an der Stadtmauer aufgestellten amerikanischen Soldaten waren besonders bevorzugt und konnten die hohen Herrschaften von der Nähe sehen. Nach dem Berichte eines dieser Augenzeugen, mit dem ich heute gesprochen habe, ist die Kaiserin-Witwe, die 68 Jahre zählt, noch so gut erhalten, dass man ihr kaum 40 Jahre rathen würde! Als sie den Tragsessel verließ, blickte sie auf die an der Mauer aufgestellten Europäer und grüßte sie. Sie trug ein dunkles Seidengewand, an den Rändern und am Leibe mit Gold gestickt, um den Hals eine goldene Kette mit einem Orden oder eine Medaille, am Kopfe eine Art Turban, wie HHStA, P.A. XXIX/7, Czikann an Gotuchowski, Bericht Nr. 1, Peking, 7.1.1902. Ebenda. HHStA, P.A. XXIX/7, Czikann an Gotuchowski, Bericht Nr. 1, Peking, 7.1.1902. Die letzte Phase des Einzugs in die Stadt ist im Detail beschrieben in: N.N., La rentrée de la cour à Pékin. In: La Re­vue de Paris 9,2 (1902), S. 681-688. 518

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