Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen

Die Rückkehr des Hofes nach Beijing Nach dem Abschluss der Verhandlungen mit China und der Unterzeichnung des Protocole final schien - nach Auffassung der Diplomaten in Beijing der Rückkehr des Hofes in die Hauptstadt nichts mehr im Wege zu stehen. So informierte der deutsche Gesandte seine Kollegen, dass seine Regierung Wege suche, die Rückkehr des Hofes zu beschleunigen. Zu diesem Zweck habe man ihm vorgeschlagen, die Bevollmächtigten Chinas dazu aufzufordem, den General- Gouverneuren im Changjiang-Tal den Transport von Silber und Vorräten nach Xi’an zu verbieten - der Kaiser sollte quasi „ausgehungert“2011 werden. In Berlin denke man, diese Maßnahme sei mit Hilfe der herrschenden Rivalität unter den Machthabern im Changjiang-Tal und den Yihetuan-Sympathisanten bei Hof durchführbar. Der k. u. k. Gesandte sprach sich umgehend dafür aus, Maßnahmen zu ergreifen, „car le retour de l’Empereur est très désirable.“2012 Anders der japanische Vertreter, Baron Nishi: Er war zwar dafür, Maßnahmen zu ergreifen, jedoch nicht für die von Deutschland vorgeschlagenen Mittel. Seiner Ansicht nach sollte man stattdessen den Hof wissen lassen, die Verwaltung der Hauptstadt werde im Falle der Rückkehr des Hofes den chinesischen Behörden übergeben werden. Er sei daher zwar für Maßnahmen, jedoch ohne jede Drohung. Giers erklärte zunächst, er sei für die Rückkehr des Hofes nach Beijing. Man müsse jedoch bedenken, dass die Rebellen auch in höchsten Kreisen Anhänger gehabt hatten - und ebenso die Warnungen der Vizekönige aussprechen, dass China einen Angriff auf die Person des Herrschers keinesfalls hinnehmen könnte.2013 2014 Bei allen Debatten wurde keine Einigung erzielt und der Hof blieb vorerst weiter in Xi’an und von einigen der „angeblich besten Kennefr] China’s, wie von Sir Robert Hart, den katholischen Bischöfen Favier in Peking [Beijing], Anzer in Shantung [Shandong] etc.“ war wiederholt die Behauptung aufgestellt worden, dass der Hof sicherlich nimmer nach Peking [Beijing] zurückkehren würde, solange die fremden Regierungen in dem, mit Vertheidigungsmauem und Gräben umgebenen Gesandtschafts-Viertel eine ziemlich ansehnliche Schutzwache belassen und Tientsin [Tianjin] sowie die Bahnlinie von Peking [Beijing] zum Meere militärisch besetzt halten werden. 1114 Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten ... 2011 In diesem Sinne berichtet der k. u. k. Geschäftsträger in Berlin am 24.10.1900: „Einer Anregung, welche hier von japanischer Seite in ganz vertraulicher Weise vorgebracht worden war, schien man im hiesigen Auswärtigen Amte besonders freundlich gegenüber zu stehen. Es handelte sich nämlich um die durch den hiesigen japanischen Gesandten angedeutete Möglichkeit den chinesischen Hof durch Aushungem zur Rückkehr nach Peking zu veranlassen. Nach der hierfür maßgebend gehaltenen Anschauung der japanischen Regierung wäre dies nämlich nicht unmöglich gewesen, wenn man jegliche Zufuhr aus dem Jangtse-Thale abgeschnitten hätte. Dieses Project ist aber, wie es scheint, gar nicht zu einer ernsteren Discussion gekommen, weil es von Anfang an dem Wiederstande [sic!] England’s begegnet sei.“ HHStA, XXIX/21, Thum an Goluchowski, Bericht No. 50 D (vertraulich), Berlin, 24.10.1900. 2012 ACNP, 4e séance, 5.11.1900 [ 12]. 2013 ACNP, 4e séance, 5.11.1900 [13]. 2014 HHStA, P.A. XXIX/7, Czikann an Goluchowski, Bericht Nr. 1, Peking, 7.1.1902. 515

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