Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen

Georg Lehner - Monika Lehner Czikann hatte diese Behauptung „übrigens nie getheilt“2015 und konnte am 7. Januar 1902 mit einer gewissen Befriedigung die Rückkehr des Hofes nach Beijing melden: Im Gegensätze zu der früheren strengen Absperrung wurden diesmal die Fremden durch das Ministerium des Äußern zur Besichtigung des Einzuges eingeladen, der anstandslos erfolgte.2016 Mit der Rückkehr in die „Verbotene Stadt“ hatten sich die Befürworter des Kontaktes mit dem Ausland gegen die reaktionären Kreise um die Kaiserin-Witwe durchgesetzt. Diese reaktionäre Clique hatte immer wieder versucht, mit dem Hinweis auf die für China beschämende Anwesenheit einer verhältnismässig starken fremdländischen Militärbestzung in der Residenz und in der Provinz Chili [Zhili], und auf die Entweihung des kaiserlichen Palastes und der verbotenen Stadt durch die fremden Truppen und ihre, daselbst aufgeschlagenen Hauptquartiere die Verlegung der Residenz in das Landesinnere durchzusetzen.2017 Schließlich hatten sich aber die Befürworter der Öffnung durchgesetzt, die auch argumentiert hatten, dass die Aufgabe der bisherigen Residenz für die mandschurischen Dynastie verhängnisvoll sein könnte. Czikann vermutete darüber hinaus, dass die Entbehrungen und Unannehmlichkeiten [...], die der Hof in seinen letzten provisorischen Residenzen [...] zu erdulden gehabt haben soll, [...] seine Sehnsucht nach der Pracht des Pekinger Kaiser-Palastes mächtig geweckt haben dürften.2018 Und so brachen am Morgen des 8. Oktober 1901 der Kaiser und die Kaiserin- Mutter mit dem gesamten Gefolge in etwa 3 000 Wagen von Xi’an in Shaanxi auf, um nach Beijing zurückzukehren, am 12. November erreichte der Zug Kaifeng in Henan2019, wo man bis 14. Dezember 1901 blieb. Von dort ging der Zug weiter nach Zhengding in der Provinz Zhili, dem damaligen Endpunkt der Bahnlinie Beijing- Hankou. Von hier aus wurde die Reise am 3. Januar 1902 mit der Eisenbahn fortgesetzt - die erste Fahrt des Kaisers mit der Eisenbahn, zunächst nach Baoding, wo man drei Tage blieb. Mit Hilfe der Astrologen wurde als günstigster Tag für die Rückkehr der 7. Januar 1902 festgelegt. An diesem Tag begann bei Sonnenaufgang die letzte Etappe der Reise in die Hauptstadt.2020 Dieses letzte Stück der Reise gestaltete sich zu einem großen Spektakel, da dabei nicht nur in einigen Punkten vollständig mit den alten Traditionen der Abgeschlossenheit gebrochen, sondern auch augenscheinlich das Bestreben an den Tag gelegt wurde, die fremdländischen Vertreter von den Sympathien des Hofes zu überzeugen und mit ihnen von Anbeginn an freundliche Beziehungen anzubahnen.2021 2 15 Ebenda, Czikann an Gotuchowski, Bericht Nr. 1, Peking, 7.1.1902. 2016 Ebenda, Czikann an MdÄ, Telegramm No. 1 (7 807, Chiffre), Peking, 7.1.1902. 2017 Ebenda, Czikann an Gotuchowski, Bericht Nr. 1, Peking, 7.1.1902. Ebenda. 2019 Kaifeng war damals die Hauptstadt dieser Provinz. 2020 „La rentrée de la courà Pékin“. In: La Revue de Paris 9,2 (1902), S. 668-680. 2021 HHStA, P.A. XXIX/7, Czikann an Gotuchowski, Bericht Nr. 1, Peking, 7.1.1902. 516

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