Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen

Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten ... Im März 1901 kam es schließlich in Tianjin, ausgelöst durch die Einrichtung von Niederlassungen der europäischen Mächte, zwischen britischen und russischen Militär-Behörden immer wieder zu Reibereien: Zum Gebiet der russischen Niederlassung gehörte auch ein Grundstück, das der Bahnverwaltung gehört hatte. Auf diesem Grundstück war ein „Zweiggeleise“ gelegt worden. Der russ. Posten verwehrte die Benützung dieses Geleises. Infolgedessen legten die Engländer eine starke Wache auf den Bahnhof, die Russen verstärkten gleichfalls die Wachen u. zogen 60 Mann Infanterie aus Peking heran. Durch die gütliche Intervention des Armee-Ober-Commando’s ist schließlich die Schlichtung der Angelegenheit den Militär-Behörden entzogen u. den diplomat. Vertretern zur Austragung übergeben worden. Am 17. März kam es zu einer Schlägerei zwischen deutschen, franz. u. engl. Soldaten, wobei 3 Personen todt blieben u. ein einschreitender engl. Officier schwer verletzt wurde.1986 Dieser Zwischenfall zeigt, wie brüchig das „Bündnis“ der Mächte war. Russland in der Mandschurei: Die Bemühungen um ein Mandschurei-Ab­kommen Für Russland bot die Krise, welche die Yihetuan-Bewegung in China ausgelöst hatte, eine Möglichkeit, sich auf Kosten Japans im Nordosten Chinas festzusetzen. Doch die Eingliederung der 1900 besetzten Gebiete in geordnete zivile wie militärische Strukturen stieß auf unerwartete Schwierigkeiten.1987 Die Mandschurei nahm in den strategischen Überlegungen Russlands und Japans eine Sonderstellung ein: Keiner war bereit, eine Dominanz des andern zu tolerieren und so versuchten beide, durch Separatabkommen die eigenen Positionen zu stärken. Anfang Januar 1901 sprach der k. u. k. Gesandte in Beijing die Befürchtung aus, dass Russland schon jetzt unbekümmert um die Aufrechterhaltung eines einmüthigen Vorgehens in der Regelung der chinesischen Frage, seine eigenen Wege zur Erlangung von Sondervortheilen wandeln will1988 Er äußerte auch die Vermutung, dass die russische Regierung ohne Rücksicht auf die zwischen den verbündeten Mächten und der chinesischen Regierung zum Zwecke der Regelung der chinesischen Frage schwebenden Verhandlungen bemüht und beschäftigt ist, schon jetzt jene Angelegenheiten, die Russland derzeit in China wohl am meisten interessieren, nämlich den Bahnbau in der Mandschurei mit allen damit zusammenhängenden politischen und militärischen Fragen unter Dach und Fach zu bringen.1989 Czikann registrierte zwar die hektischen diplomatischen Aktivitäten, blieb aber als Außenstehender auf Informationen aus „verlässlichen Quellen“ angewiesen. HHStA, P.A. XXIX/15, fol. 346, RKM/MS, O.K./M.S No. 1 242. Montecuccoli an RKM/MS, Res. No. 387, Taku-Rhede, 20.4.1901 (Copie). Siehe dazu auch: Plaschka (1984), S. 134 f. HHStA, P.A. X/115, fol. 684', Aehrenthal an Gotuchowski, Bericht No. 37 E Vertraulich, St. Petersburg, 4. 7./21.6.1901. HHStA, P.A. XXIX/15, fol. 23', Czikann an Gotuchowski, Bericht No. 2 Vertraulich, Peking, 9.1.1901. In diesem speziellen Fall waren seine Bemerkungen auf das Verhalten der russischen Befehlshaber in der Angelegenheit des Wiederaufbaus der Bahnlinien bezogen. Ebenda, fol. 34', Czikann an Gotuchowski, Bericht No. 3 Vertraulich, Peking, 18.1.1901. 511

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