Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen

Georg Lehner - Monika Lehner fünf Genannten und aller derjenigen, die hingerichtet worden waren, weil sie Ausländer gerettet oder ihnen gegenüber freundliche Haltung gezeigt hatten.1771 Nach längeren Diskussionen1772 wurde die Vorbereitung einer Art von Anklageschrift (réquisitoire) beschlossen, die der Doyen den Bevollmächtigten Chinas vorlesen sollte. In diesem Dokument sollten nur die Hauptschuldigen und das ihnen Vorgeworfene genannt werden. Am 31. Januar 1901 einigten sich die Vertreter der Mächte auf den 5. Februar als Termin für eine Zusammenkunft mit den chinesischen Bevollmächtigten, in der zunächst die „Todesstrafe für 12 Prinzen, Minister, Gouverneure und Generale und Vorlage der Entwürfe der im Artikel X. der Collectivnote vorgesehenen kaiserlichen Edicté“ verlangt werden sollten.1773 1774 Das Ergebnis dieser Konferenz1174 war für die Diplomaten überaus unbefriedigend. Cölogan als Doyen forderte im Namen seiner Kollegen für 12 Bes­chuldigte1775 „la peine la plus sévère conforme a leur crimes“1776 und fügte hinzu: „Vous comprendrez, après les explications qui viennent de Vous être données, que ces personnages méritent la mort.“1777 Li Hongzhang und Yikuang Prinz Qing akzeptierten die Todesstrafe für Zaixun Prinz Zhuang und Yuxian mit Vorbehalten und für Dong Fuxiang. Für alle anderen wollten sie lediglich Gefängnisstrafen und/oder Verbannung zugestehen.1778 Die Anklagen der diplomatischen Vertreter gegen diese hohen und höchsten Würdenträger wurden von den Bevollmächtigten zumeist heruntergespielt. Bei ihrer Beurteilung spielte der Aspekt offener alter Rechnungen beziehungsweise des Ranges des Beschuldigten in der (Beamten-) Hierarchie eine nicht zu unterschätzende Rolle.1779 1780 Im „Protocole N° 2 vom 5. Februar 190T“780 lässt sich die Diskussion eindeutig nachvollziehen. Da der Verlauf der Unterredung signifikant für die Schwierigkeiten 1771 ACNP, 19e séance, 22.1.1901. 1772 Sitzungen am 24.1. (20e) und am 31.1.1901 (2le). 1773 HHStA, P.A. XXIX/15, fol. 72', Czikann an MdÄ, Telegramm No. 18 (27, Chiffre), Peking, 31.1.1901. 1774 Diese Sitzung fand — im Gegensatz zu den anderen Verhandlungen - in der Gesandtschaft Großbritanniens statt. 1775 Zaixun Prinz Zhuang, Zaiyi Prinz Duan, Zailan Herzog Fuguo, Yingnian, Gangyi, Zhao Shuqiao, Yuxian, Dong Fuxiang, Li Bingheng, Xu Tong, Xu Chengyu und Qixiu. 1776 ACNP, Protocole No. 2 (Séance du 5 Février 1901). 1777 Ebenda. 1778 HHStA, P.A. XXIX/15, fol. 89v-90r, Czikann an Gotuchowski, No. 6, Peking, 7.2.1901. 1779 Vor allem in der Phase unmittelbar nach dem Eintreffen der Verbündeten Truppen in Beijing waren immer wieder missliebige Personen als „Boxer“ angezeigt worden, die in dem herrschenden Chaos zumeist ohne ausreichende Untersuchung abgeurteilt wurden. 1780 ACNP, Protocole No. 2 (5.2.1901). 468

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