Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Die „Friedensverhandlungen“ zwischen China und den Mächten - Verlauf, Abschluss und Unmittelbare Folgen

Georg Lehner - Monika Lehner Im Auswärtigen Amte will man außer der vertraulichen Mitteilung des französischen Botschafters169 [...] über die von Rußland in Peking vorgeschlagene Änderung des Strafparagraphen weder von Peking noch von Petersburg eine Mitteilung erhalten haben.1699 Nach Auffassung der englischen Regierung hätte die Vermeidung des Wortes „Todesstrafe“ eine Abschwächung bedeutet1™ - und Lord Lansdowne erklärte gegenüber dem k. u. k. Botschafter, daß eine derartige Abschwächung in China einen sehr ungünstigen Eindruck hervorrufen könnte und auch hier ungern gesehen würde. Die großbritannische Regierung [...] hätte den Wunsch, eine Modification zu finden, durch welche die Bestimmungen des Artikels abgeschwächt würden, ohne die Bedingung der Todesstrafe fallen zu lassen.170' Als zulässige Abschwächung wurde diskutiert, in der Präambel der Note das Wort „irrévocable“ zu streichen ­ein Wort, welches ohnehin bei der grossbritannischen Regierung Bedenken erweckt hätte, weil sich die Mächte dadurch selbst die Hände zu sehr binden. Wenn sie ihre Bedingungen als unwiderruflich hinstellten, so sei ihnen die Möglichkeit einer nachträglichen Modifikation benommen und würde sich eine solche als unerlässlich herausstellen, so wäre der Eindruck, den eine solche nachträgliche Aenderung bei den Chinesen hervorrufen würde gewiss ein noch viel nachtheiligerer wie wenn die Mächte nicht vorher erklärt hätten, dass die Bedingungen unwiderruflich wären.1702 Botschafter Graf Deym gewann nach zahlreichen Gesprächen mit Regierungsmitgliedem und hohen Beamten des Außenministeriums „den Eindruck, dass die Grossbritannische Regierung momentan ziemlich rathlos war, welche Stellung sie gegenüber dieses Vorschlags einnehmen solle.“ Lord Lansdowne hatte Deym nach dessen Meinung zu dem betreffenden Punkt der Forderangen gefragt und ob er ihm [Lansdowne] nicht einen Weg nennen könnte, die Bedeutung des Artikels 2 abzuschwächen, ohne die Fassung zu ändern. Deym, der wohl überrascht war, erklärte dem Staatssekretär: dass es für mich sehr schwer sei, eine Meinung auszusprechen, da ich von meiner Regierung nicht ermächtigt sei und diese auf dem Standpunkt stehe, dass ihr vor Allem daran gelegen sei, die Einmüthigkeit der Mächte zu erhalten und dass die chinesische Complication so bald wie möglich einem Abschlüsse zugeführt werde.1703 Mit dieser sehr diplomatischen Antwort gab sich Lord Lansdowne nicht zufrieden, und Graf Deym sagte ihm schließlich, 1 8 Die französische Regierung hatte mitteilen lassen, sie sei damit einverstanden, „Todesstrafe“ durch „höchste Strafe“ zu ersetzen. Siehe dazu: Ebenda, Deym an MdÄ, Telegramm No. 167 (1 230, Chiffre, Vertraulich), London, 1.12.1900). 1699 Ebenda, Deym an MdÄ, Telegramm No. 168 (4 231, Chiffre, Vertraulich), London, 3.12.1900. 1700 Balfour äußerte gegenüber Deym, „dass diese Aenderung nur den Zweck haben würde, der chinesischen Regierung es zu erleichtern, die Schuldigen der wohlverdienten Strafe zu entziehen. (Ebenda, Deym an Gotuchowski, Bericht No. 85 A-J (Streng Vertraulich), London, 7.12.1900). 1701 HHStA, P.A. XX1X/22, Deym an MdÄ, Telegramm No. 170 (5 767, Chiffre), London, 4.12.1900. [In der zitierten Passage referiert Deym ein Gespräch mit Sir Thomas Sanderson], 1702 Ebenda, Deym an MdÄ, Bericht No. 85 A-J (Streng Vertraulich), London, 7.12.1900. 1703 Ebenda, Deym an MdÄ, Bericht No. 85 A-J (Streng Vertraulich), London, 7.12.1900. 454

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