Georg Lehner, Monika Lehner (Hrsg.): Sonderband 6. Österreich-Ungarn und der „Boxeraufstand” in China (2002)

Österreich-Ungarns Maritim-Militärische Präsenz in China: Vom Entsatz der Gesandtschaften bis Ende Januar 1901

die Minenexplosion bei Beitang gefallenen Österreicher einen Kranz niederzulegen. In Tanggu erstattete er Trapp seine diesbezügliche Meldung: Herr Seekadett, melde gehorsamst, mi go ordine dai ufftciali tedeschi, di metter sto qua sulla Sua tomba. Ma cosa go da far adesso? (Ich habe Befehl von den deutschen Offizieren, das hier auf Ihr Grab zu legen. Aber was soll ich jetzt machen?). Der Irrtum konnte jedoch gleich nach Trapps Rückkehr ins Südfort von Dagu aufgeklärt werden: Durch Signale war die Nachricht vom Tode des armen Pap zu meinen deutschen Kameraden gelangt und infolge des Gleichklanges unserer Namen war ich totgemeldet worden.1498 Im Tagsbefehl No. 28 vom 29. September 1900 sprach Montecuccoli den an der Erstürmung von Beitang beteiligten österreichisch-ungarischen Offizieren und Mannschaften die belobende Anerkennung aus.1499 1500 Die Beteiligung des k. u. k. Landungs-Detachements an kleineren militärischen Operationen zwischen August und Oktober 1900 Wiewohl die von Amerikanern, Engländern, Japanern und Russen regelmässig in die Umgebung der Stadt ausgesendeten Patrouillen keine derartigen Beobachtungen zu melden hatten, die auf eine Ralliirung der chinesischen Truppen und Boxer in grösserem Masstabe schliessen oder ein compactes Vorgehen der Alliirten geboten erscheinen liessen, ergaben sich doch Anlässe zu kleineren Operationen, die aber mehr und mehr den Charakter von Strafexpeditionen als von Schlägen gegen eine feindliche Heeresmacht annahmen.15110 So kurz und prägnant charakterisierte Theodor Ritter von Winterhaider die Entwicklung der militärischen Situation in der Provinz Zhili für die Monate nach der Befreiung der Gesandtschaften. Schätzungen zufolge wurden bei diesen „Strafexpeditionen“ - Esherick spricht von „punitive picnics“1501 - zwischen (mindestens) 2 000 und (höchstens) 25 000 Menschen hingerichtet.1502 Durch den geringen personellen Aufwand hatten die von Österreich-Ungarn gelandeten Detachements naturgemäß auch nur einen beschränkten Anteil an diesen militärischen Operationen. Angesichts der Tatsache, dass diese „Expeditionen“ in Winterhaiders Buch nur eine äußerst kursorische Behandlung erfahren haben, werden im Folgenden die Berichte der Detachements in Bezug auf Hintergrund und Verlauf der Expeditionen untersucht. Bereits am 19. August 1900 hatten 17 Mann des in Tianjin stationierten k. u. k. Detachements unter dem Kommando von LSF Cajetan Pulciani von Glücksberg an Österreich-Ungams maritim-militärische Präsenz in China... 1498 Trapp (1936), VI, S. 4. 1499 KA, MDT Kart. 1, Escadre-Commando-Tagsbefehl, No. 28, Taku-Rhede, 29.9.1900. 1500 Winterhaider (1902), S. 454. - Weitaus drastischer und der damaligen Auffassung wohl entsprechender formulierte es Wöjcik (1902), S. 86: „Die verbündeten Truppen trachteten zuerst die Umgebung von Peking von Boxerbanden zu säubern, was Ende August und anfangs September zu kleinen Gefechten führte.“ 1501 Esherick (1987), S. 310. 1502 Rudolph J. Rummel, China’s Bloody Century. Genocide and Mass Murder since 1900, New Brunswick/London 1991, S. 47 (Tabelle 2 A). 411

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