Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Arnold Suppan: Die Nationalitäten Österreich-Ungams und ihre Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert

Arnold Suppan heitenschutz verdrängen sollten. Der Glaube an die ausschließliche soziale Identität des Individuums sah die Minderheitenfrage nur noch als eine Frage der Zeit. Le­diglich in Jugoslawien wurden neben den staatsbildenden Nationen mehrere „Nationalitäten“ verfassungsrechtlich anerkannt. Daher ist die Frage zu stellen, ob der jugoslawische Nationenstaat am diktatorischen kommunistischen System oder an der Dezentralisation von Partei und Bürokratie gescheitert ist? Vermutlich müs­sen die monokratische Herrschaft von Partei und Armee und ihren Geheimdiensten, aber auch das Machtgefalle zwischen Nationen und Nationalitäten als Ursachen angesehen werden.18 Das sowjetische Programm der gesellschaftlichen Gleichstellung und der Zerstö­rung nationaler wie religiöser Gepflogenheiten traf die Nationalitäten und Minder­heiten nach 1945 weiters in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Denn die Kol­lektivierung der Landwirtschaft und die Sozialisierung der Unternehmen, womit das Privateigentum beseitigt wurde, zerstörten die Grundlage der Nationalitäten- und Minderheiten-Gesellschaften sowie ihrer Kulturen, indem das Individuum nunmehr total vom Staat abhängig war. Im kommunistischen Gesellschaftssystem verblieb für Autonomien kein Platz mehr. Geichzeitig versuchten mehrere politi­sche Führungen - etwa die polnische, ungarische und rumänische - einen neuen, kommunistischen Staatsnationalismus einzuführen, der aufgrund der dominieren­den Rolle der Sowjetunion auch von einem neuen, sowjetfeindlichen Nationalismus gespeist wurde. Andererseits ließ Breznev über gewisse Sprach- und Kulturrechte in den autonomen Gebietseinheiten hinweg das Konzept eines „sovetskij narod“, eines homogenen Sowjetvolkes, propagieren, mit dem das Leitbild einer russisch dominierten nationalen und sozialen Homogenität der sowjetischen Bevölkerung suggeriert wurde.19 Die ungelösten Nationalitätenprobleme und latenten Minderheitenkonflikte der Sowjetunion brachen als unbeabsichtigte Nebeneffekte der von Gorbacev eingelei­teten und durch eine Fehleinschätzung der sowjetischen Realitäten gekennzeichne­ten Modemisierungspolitik auf. Hiebei erlangten die überkommenen formalen Strukturen des Sowjetföderalismus eine unverhoffte Bedeutung, als sich die seit 1988 entstandenen regionalen Volksbewegungen in den westlichen Gebieten des Imperiums von Tallin bis Lemberg in demokratisch-nationale Autonomie- und Un­abhängigkeitsbewegungen verwandelten. Die Ende 1988 im Baltikum einsetzende und später alle Unionsrepubliken und viele autonome Gebietseinheiten erfassende 18 Nationen, Nationalitäten, Minderheiten. Probleme des Nationalismus in Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei, Bulgarien, Polen, der Ukraine, Italien und Österreich 194 5-1 9 90, hrsg. von Valeria Heuberger, Othmar Kolar, Arnold Suppan und Elisabeth Vyslonzil. Wien-München 1994; Rus i - now, Dennison: The Yugoslav Experiment, 1948-1974. London-Berkeley 1979. 19 Simon, Gerhard - S i mon , Nadja: Verfall und Untergang des sowjetischen Imperiums. Mün­chen 1993, S. 126-133. 84

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