Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Vladimir Vertlib Antijüdische Maßnahmen von offizieller Seite gingen hingegen seit Gorbatschow zurück. Im heutigen Rußland sind Diskriminierungen von Juden seitens des Staates nicht auszumachen, obwohl manche Behörden vereinzelt aus alter Tradition wei­terhin Juden benachteiligen und der Staat ausgesprochen zögerlich gegen rechtsex­treme Tendenzen in Politik und Gesellschaft vorgeht. Einige führende russische Politiker wie der Wirtschaftsexperte Egor Gaidar oder der ehemalige Ministerprä­sident Kirijenko haben jüdische Wurzeln. In sowjetischer Zeit hätten diese Männer allein deswegen keine so hohen Positionen erreicht. Zum Feindbild Nummer eins vieler Russen sind inzwischen die Kaukasier ge­worden, was weniger mit dem Tschetschenienkrieg als mit der Dominanz vieler Tschetschenen, aber auch Aserbaidschaner und Georgier im Kleinhandel zu tun hat. Angehörige dieser Volksgruppen werden mit „Spekulantentum“ und Wucher gleichgesetzt. Diese „klassischen“ Klischees sind also von den Juden auf die Kau­kasier, die sich zudem auch äußerlich oft stark von der einheimischen Bevölkerung unterscheiden, übertragen worden. Man darf den Antisemitismus als treibende Kraft für die anhaltende jüdische Emigration aber auch heute, Ende der Neunzigerjahre, nicht unterschätzen. Da waren die skandalösen Äußerungen des KP-Abgeordneten in der russischen Duma und Ex-Generals Makaschow nur die Spitze des Eisbergs. Makaschow hatte bei einer Protestkundgebung gegen Jelzins Wirtschafts- und Sozialpolitik im Oktober 1998 den Juden die Schuld an der derzeitigen Krise gegeben und ihnen „eine gute Reise ins Jenseits“ gewünscht. Sollten die Kommunisten wieder die Macht über­nehmen, werde man die Juden auch tatsächlich auf diese Reise schicken. Die russi­sche KP distanzierte sich nur halbherzig von Makaschows Äußerungen und stimmte gegen die Aufhebung seiner Immunität, um ihm eine Anklage wegen An­stiftung zum Rassenhaß zu ersparen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat die KP ihre „inter­nationalistische“ Ideologie endgültig in den Hintergrund gedrängt und kokettiert offen mit faschistischem Gedankengut. Makaschow fordert eine zahlenmäßige Beschränkung von ethnischen Nichtrussen im öffentlichen Dienst und den Medien, und auch KP-Chef Sjuganow beklagt die angeblich große Anzahl von Juden in leitenden Positionen. Außerdem drängt er auf eine Untersuchung der Beteiligung „zionistischen Kapitals“ an der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise. Be­denkt man, daß die KP in der russischen Duma die stärkste Fraktion stellt, der Ge­sundheitszustand von Präsident Jelzin nicht gerade der beste und die politische Lage in Rußland insbesondere nach dem Zusammenbruch der Währung im Herbst 1998 mehr als instabil ist, versteht man die Angst vieler Juden vor einer möglichen nationalbolschewistischen Zukunft des Landes. Eine reale Bedrohung für die Juden bildet heute auch die 1990 gegründete und von Alexander Barkaschow angeführte „Russische Nationale Einheit“, die sich gegen Juden und Kaukasier gleichermaßen wendet und besonders in Südrußland 70

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