Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt
Verfolgung. Anpassung. Emigration. Unterstützung findet. Gerade dort ist die Armut sehr groß und die Zahl von Kriegsflüchtlingen aus Südkaukasien und anderen Teilen der GUS besonders hoch. Sogar der Gouverneur des Kuban-Gebietes im Nordkaukasus, Walerij Samojlenko, soll die Faschisten aktiv unterstützen. Auf Flugblättern finden sich Parolen wie „Plündert Wohnungen von Juden! Zündet sie an!“ Die Berührungspunkte zwischen der „Russischen Nationalen Einheit“, die in ganz Rußland schon mehrere hunderttausend Mitglieder hat, und der KP sind zahlreich. Ehemals orthodoxe Kommunisten wechseln scharenweise ins Lager der Faschisten, so daß sich die KP bemühen muß, ideologisch „mit der Zeit zu gehen“, will sie nicht große Teile ihrer Wählerschaft verlieren. Daß die Faschisten sogar im Regierungsapparat und in der Beamtenschaft Anhänger haben, dürfte als erwiesen gelten. Die Unsicherheit unter Rußlands Juden wurde im Herbst 1998 durch den Zusammenbruch der Rubelwährung verstärkt. Da einige der großen Finanzjongleure und heimischen Millionäre Juden sind, lag die Vermutung nahe, daß dies den Antisemitismus noch verstärken werde. Trotz anhaltender jüdischer Auswanderung kam es in den letzten zehn Jahren auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zu einer bescheidenen Renaissance jüdischen Brauchtums und religiöser Identität. Synagogen wurden, oft mit erheblichem finanziellem Aufwand ausländischer jüdischer Organisationen, restauriert oder neu errichtet. Es kam zu Gründungen jüdischer Einrichtungen wie Kindergärten oder Schulen. Für viele war die Phase der Rückbesinnung auf die eigenen jüdischen Wurzeln jedoch nur eine Zwischenstufe zum endgültigen Entschluß zu emigrieren. Von wichtiger Bedeutung war zu Beginn der Neunzigerjahre die Tätigkeit zionistischer Organisationen. Heute ist der israelische Staat damit beschäftigt, die über 600.000 Neuzuwanderer der letzten Jahre zu integrieren und zeigt an einer weiteren Masseneinwanderung nur noch wenig Interesse. Vielmehr soll in den GUS-Staaten die Infrastruktur für ein eigenständiges jüdisches Leben aufgebaut werden. Die Auswanderung hat aber längst eine starke Eigendynamik entwickelt. Viele, vor allem ältere Menschen, wandern aus, um in der Nähe von Verwandten und Freunden zu sein, die schon zuvor das Land verlassen haben. Viele emigrieren, „weil eben auch alle anderen Weggehen“. Seit 1989 haben schätzungsweise etwas mehr als 700 000 Juden die Sowjetunion und ihre Nachfolgestaaten verlassen, wobei etwa 90 Prozent von ihnen nach Israel übersiedelten. Noch stärker als Rußland waren die GUS-Staaten und das Baltikum von der Auswanderung betroffen. Im Baltikum waren es vor allem der erstarkte Nationalismus und die gegen alle russischsprachigen Einwohner gerichtete Politik der neuen Staaten, die die Auswanderung verstärkten. Die meisten Juden des Baltikums kann man dem russischen Kulturkreis zurechnen. Sie waren erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus anderen Teilen der Sowjetunion in die kurz zuvor annek71