Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Verfolgung. Anpassung. Emigration. wurden heftig angegriffen, verhöhnt und bedroht. Entgegen vielen Befüchtungen ist es aber zu keinen Pogromen gekommen. Besorgniserregend erschienen seit der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre vor al­lem die Auftritte der Pamjat’ (Erinnerung) - Sammelbegriff für mehrere rechtsex­treme Gruppen, die sich in größeren russischen Städten gebildet hatten. Die Akti­vitäten der Pamjat’ lagen ursprünglich im „kulturellen“ Bereich. Sie ließ alte Denkmäler restaurieren, lud „heimatverbundene“ bzw. „patriotische“ Schriftsteller zu Lesungen oder gründete „alternative“ Kulturzentren. Der konservativ­patriotische Charakter der Pamjat’, die lange Zeit auch von der KP unterstützt wur­de, erhielt jedoch eine starke rassistische und antisemitische Komponente, als der Photograph Dmitrij Wassiljew der Gruppe beitrat und eines ihrer führenden Mit­glieder wurde. Zur Untermauerung der These von der „zionistischen Weltver­schwörung“ wurden auch die Protokolle der Weisen von Zion aus dem Müllhaufen der Geschichte hervorgeholt. In der Zeit von Glasnost und Perestrojka waren die Behörden weder fähig noch willens, gegen die immer zahlreicher werdenden faschistoiden Gruppen vorzuge­hen. Im Gegenteil: Eine Pamjat’-Delegation wurde sogar von Boris Jelzin empfan­gen, der zu jener Zeit - Ende der Achtzigerjahre - noch Moskauer Parteisekretär war. Im KGB, in der Armee und insbesondere unter der provinziellen Nomenklatura fand die Pamjat’ viele Sympathisanten. In Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs, der Erosion staatlicher Strukturen, des Verlusts der Weltmachtstellung, steigender Unabhängigkeitsbestrebungen unter den Völkern der Sowjetunion und des verletz­ten Nationalstolzes mußten wieder einmal Feinde im Inneren als Sündenböcke herhalten. Pamjat’ bediente das in Teilen der Bevölkerung sich verstärkende Ge­fühl der Ohnmacht, indem sie auf traditionelle antisemitische Denkschemata zu­rückgriff. Zu einer Massenbewegung reichte es trotzdem nicht, wohl auch, weil die selbsternannten Retter des russischen Volkes untereinander zerstritten waren oder einen so skurrilen Aktionismus an den Tag legten, daß sogar eingefleischte Anti­semiten und Paranoiker an der Seriosität von Wassiljew, Sitschew, Jemeljanow, Filimonow oder Ostaschwili zweifeln mußten. Um 1990 zerfiel Pamjat’ endgültig in eine Reihe miteinander verfeindeter Gruppierungen. Die mediale Präsenz von Pamjat’ und ihre Aktionen reichten jedoch, um viele Juden zu verunsichern und ihnen die Entscheidung für die Ausreise zu erleichtern. Eine große Rolle spielte generell die Angst, daß Rußland den Weg der Demokra­tisierung verlassen und zu einer autoritären Regierungsform zurückkehren könnte. Ob rechtskonservativ, klerikal oder nationalbolschewistisch würde ein solches Regime wohl in jedem Fall minderheiten- und vor allem judenfeindlich sein. Die Wahlerfolge eines obskuren Politclowns wie Schirinowski und seiner Liberalde­mokratischen Partei lassen eine solche Entwicklung möglich erscheinen. 69

Next

/
Thumbnails
Contents