Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Verfolgung Anpassung Fmigration Maße als politische Waffe eingesetzt. Die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungs­schichten wurde kanalisiert und gegen die Juden gewendet. Neben das schon seit langem vorherrschende antijüdische Stereotyp des „Ausbeuters“ und „Christus­mörders“ trat nun außerdem jenes des „vaterlandslosen Gesellen“, des „Revolu­tionärs“, des Anarchisten, Zerstörers ... Während der forcierten Industriealisierung kurz vor der Jahrhundertwende brei­tete sich in Rußland, insbesondere bei den gesellschaftlichen Verlierern dieser Entwicklung, wie Teilen des Kleinbürgertums und bei den Unterschichten, ein reaktionärer Antikapitalismus mit einer starken antisemitischen Färbung aus. Auch einzelne Adelige, Intellektuelle und Künstler verbanden ihre Kritik an der Moderne mit Angriffen auf „das Judentum“. Die Juden wurden zu willkommenen Sünden­böcken für die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die sich aus der beschleu­nigten Modernisierung ergaben. Weltverschwörungtheorien von einem „kosmo­politischen internationalen Börsenjudentum“, das die Welt beherrschen und Ruß­land vernichten möchte, wurden immer populärer. In dieser Atmosphäre eines sich verschärfenden Judenhasses fabrizierten 1895 Agenten der zaristischen Geheimpo­lizei die „Protokolle der Weisen von Zion“, ein Machwerk, das bald auch außerhalb Rußlands traurige Berühmtheit erlangen und in mehrere Sprachen übersetzt werden sollte. Die Mär von einer geheimen jüdischen Verschwörung mit der Weltherr­schaft als Endziel und der Unterdrückung, ja sogar Vernichtung christlicher, bzw. „arischer“ Völker als Mittel wurde zu einem Standardrepertoire judophober Paranoia. Zu wichtigen Trägem antisemitischer und chauvinistischer Ideen wurden Teile der Beamtenschaft und der russisch-orthodoxen Kirche. Kaum in einem Land war die Identifikation von Kirche und Staat so stark wie in Rußland. Waren die Ziele der Kirche auf Systemerhaltung - die Unterstützung der automatischen Regie­rungsform - ausgerichtet, wobei „der Jude“ als Prototyp des „anderen“ (des Feind­lichen, Bösen, Unchristlichen, Zerstörerischen, Unrussischen, Seelenlosen, Unmo­ralischen, also des Antimenschen schlechthin) herhalten mußte, so mißbrauchten namhafte Antisemiten religiös-christliche Wertvorstellungen zur Untermauerung ihrer Thesen. Seit 1881 verschärften die Machthaber ihre antijüdischen Gesetze und erließen neue. Um die slawischen Bauern „vor den Juden zu schützen“, wurde Juden 1882 die Neuansiedlung auf dem Land verboten. 1887 führte man einen Numerus Clau­sus für Juden an Gymnasien und Hochschulen ein (zehn Prozent im Ansiedlungs­rayon, fünf Prozent im übrigen Rußland, drei Prozent in Moskau und Petersburg). Die jüdische Partizipation an der Verwaltung von Städten und Bezirken wurde in den 1890er Jahren wieder verboten. 1891 wurden mehr als 10 000 jüdische Hand­werker aus Moskau vertrieben. Um 1900 kaum es auch in Rußland zur Gründung einer Reihe rechtsextremer Gruppierungen, die unter dem Sammelbegriff „Die schwarzen Hundert“ in die 59

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