Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Von der alten zur neuen Ordnung - Vladimir Vertlib: Verfolgung. Anpassung. Emigration. Die Geschichte der Juden im Russischen Reich, der Sowjetunion und der GUS. Ein Längsschnitt

Vladimir Vertlib Geschichte eingingen. Zur wichtigsten antisemitischen Partei wurde der 1906 ge­gründete „Bund des russischen Volkes“. Als Organisatoren von Pogromen zogen die Schwarzen Hundert eine Blutspur durch Rußland. Ihre Ideologie war zwar größtenteils reaktionär (antikapitalistisch, zarenfreundlich), in Vorgehensweise und Organisationsstruktur hatte der Bund des russischen Volkes aber schon Züge einer Massenbewegung, womit er Elemente des Faschismus vorwegnahm. Die morden­den Banden fanden Unterstützung höchster Regierungskreise. Nicht zuletzt waren ja auch die Zaren Alexander III. (1881 bis 1894) sowie Nikolaus II. (1894 bis 1917) Judenhasser. Schikanen seitens der Behörden, die ständige Angst vor Übergriffen und wirt­schaftliche Not beschleunigten die jüdische Auswanderung. Zwischen 1880 und 1914 verließen etwa zwei Millionen Juden das Land, die meisten von ihnen Rich­tung USA. Andere wichtige Zielländer waren Großbritannien, Kanada und Argen­tinien. Auch die ersten jüdischen Einwanderer in Palästina stammten fast aus­schließlich aus Rußland oder Russisch-Polen. Das Ende der von Alexander II. geförderten Integration führte dazu, daß sich viele Juden nationalen oder revolutionären Bewegungen zuwandten. Auch die zionistische Idee fand gerade in Rußland - schon vor Theodor Herzl — viele Anhä­ger (1917 waren es 300 000). Der .Allgemeine Jüdische Arbeiterbund“ war anti­zionistisch, sozialdemokratisch und jüdischnational eingestellt und nahm den Kampf gegen die Diskriminierungen der russischen Behörden auf, gründete Selbst­schutzverbände, um die Bevölkerung vor Pogromen zu schützen und forderte Kul­turautonomie mit jiddischsprachigen Schulen. Ohne das jüdische Proletariat, das schon viel früher als das russische ein Klassenbewußtsein entwickelt und sich or­ganisiert hatte, wäre die Gründung der russischen Sozialdemokratie, aus der so­wohl die menschewistische wie die bolschewistische Bewegung hervorgingen, nicht möglich gewesen. Und gerade in jener Zeit erreichte die ostjüdische Kultur, insbesondere die mo­derne jiddische Literatur ihre Blüte. Klassiker wie Mendele Moicher Ssforim, Jizchak Leib Perez, Salomon Anski, Chaim Nachman Bialik und Scholom Alej- chem beschrieben jüdisches Leben im zaristischen Rußland der Jahrhundertwende. Ihre Werke sind heute ein wesentlicher Bestandteil der Weltliteratur. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte das russische Judentum eine zum Teil assimi­lierte, sehr aktive, wenn auch heterogene intellektuelle Elite hervorgebracht. Es gab auch eine jüdische Bourgeoisie, auch wenn es sich um eine sehr schmale Schicht handelte. Die meisten russischen Juden blieben jedoch vom russischen Einfluß und von der jüdischen Aufklärung, der Haskalah unberührt. Sie lebten in Dörfern und Kleinstädten (Städtln), oft in sehr ärmlichen Verhältnissen und waren traditionell­religiös eingestellt. Viele von ihnen waren Chassiden. Ihr Auskommen fanden sie meist als Handwerker, kleine Händler, Schankwirte, Besitzer von Fuhrwerken oder in vergleichbaren Berufen. 60

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