Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah
Helga Embacher ihrer eigenen oder den ihrer Vorfahren einstigen Zugehörigkeit zur Monarchie leiteten sie auch das Recht auf die Zuerkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft für „Altösterreicher“ ab. Dabei wurde argumentiert, daß diese nach dem Krieg aus den ehemaligen Kronländem deshalb nach Österreich gekommen wären, „da die Hauptstadt der Republik Österreich einmal die Krone der österreichischungarischen Monarchie, in der sie lebten, war.“54 Der Verweis auf die in die Monarchie zurückreichenden Wurzeln sollte auch rechtfertigen, daß sich Juden in einem Land der Täter und Mittäter niedergelassen haben. Die Gründung der „Interessensgemeinschaft“ muß ferner mit den 1953 beginnenden „Wieder- gutmachungs“-Verhandlungen55 zwischen den jüdischen Organisationen und der österreichischen Bundesregierung in Zusammenhang gebracht werden. Offensichtlich befürchteten zugewanderte Juden, von der IKG und den „Ex-38em“ übergangen zu werden und wollten daher mit der „Interessensgemeinschaft“ ihren Anspruch auf „Wiedergutmachungszahlungen“ anmelden.56 Ähnlich der „Interessensgemeinschaft“ definiert auch der in Ostgalizien geborene Simon Wiesenthal seine österreichische Identität: Ja, ich bin geboren als Österreicher, mein Vater ist als österreichischer Soldat gefallen, es gibt keinen Grund, das auszuradieren. Ich kann mich noch erinnern, wie der Kaiser gestorben ist.57 * Oder Anton Winter, der langjährige Vizepräsident der IKG, gab auf die Frage, warum er nach dem Krieg in Österreich geblieben sei, folgende Antwort: Meine Eltern waren Monarchisten. Mein Großvater hat immer gesagt, in der Welt kann erst Ruh herrschen wieder, wenn Kaiser Franz Josef zurückkommt. Das war typisch für die galizischen Juden. Bei der Besetzung 1939 durch die Russen haben manche Juden erwartet, die Deutschen sollen sie erlösen von den Russen. Das ist die Tragödie. Mein Bruder hat studiert in Wien im Jahr 1938. Wie er nach dem Einmarsch von Hitler nach Polen gekommen ist, hat ihm der Vater nicht glauben wollen, daß man schlägt Juden. Er hat gesagt, du hast nicht studieren wollen, du erzählst Märchen. So weit ist es gegangen.5* Giza Wemik thematisiert in ihren Erinnerungen ebenfalls diese durch Nostalgie bedingte Realitätsverklärung. Auch in Jamna, einem im äußersten Südwesten der Ukraine gelegenen Dorf, freuten sich die Juden über den Abzug der russischen Besatzer, denn die Deutschen fürchtete man zwar, aber „immerhin seien sie ja ein 54 Jüdische Interessensgemeinschaft. Organ der Österreicher, Nr. 1, November 1955. 55 Ende 1952 mußte sich Österreich vor allem auf Druck der USA zu Verhandlungen bereiterklären, die zwischen Österreich und dem Claims Committee im Sommer 1953 offiziell aufgenommen wurden. Bereits 1953, kurz nach Beginn der Verhandlungen, wurden diese unterbrochen und fortan in die Länge gezogen. Österreichische Politiker versuchten auch wiederholt, die unterschiedlichen jüdischen Interessen für sich zu instrumentalisieren. Vgl. Embacher - Reiter: Gratwanderungen, S. 68 f. 56 Zum Begriff „Ex-38er“ vgl. S t e r n f e 1 d : Betrifft Österreich. 57 Interview mit Simon Wiesenthal, Wien 1990. 5S Interview mit Anton Winter, Wien 1990. Dazu vgl. auch Friedmann, Benedikt: „Iwan, hau die Juden“. St. Pölten 1989, S. 63. 98