Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah

Jüdische Identitäten nach der Shoah Kulturvolk, meinten vor allem die Älteren, die sich an Kaiser Franz Josef und die liberale österreichische Politik erinnerten.“59 Nach dem Zerfall der Monarchie hatte Wien für Juden seine Anziehungskraft keineswegs verloren und selbst nach der Shoah brachten osteuropäische Juden vielfach ein verklärtes Bild von der ehemaligen Kaiserstadt mit. Peter Aran, der ursprünglich aus Ungarn stammende ehemalige israelische Botschafter in Wien, erinnert sich, daß seine Mutter mindestens zwei bis drei Mal im Jahr von Ungarn nach Wien „gesprungen“ sei. Obwohl er selbst erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur Welt kam, hat Wien auf ihn eine große Faszination ausgeübt. „Ich habe die deutsche Kultur in Ungarn mit der Muttermilch getrunken und meine ganze Gene­ration hat Sissi und Schubert geliebt und den Kaiser verehrt.“ Die „bitteren Jahre der Verfolgung“ trübten zwar seine Beziehung zu Österreich und er weigerte sich 40 Jahre lang Deutsch zu sprechen, doch behielt er sein verklärtes Bild von der Monarchie.60 Ruth Beckermann betrachtet es nicht als Zufall, daß Überlebende, die nach der Befreiung in Wien geblieben sind, gerade jene Orte zu ihren beliebtesten Treffpunkten auswählten, die ihrem Bild der Monarchie entsprachen. Dazu zählen die Meierei im Stadtpark, der Cobenzl und der Semmering.61 Jüdischen Flüchtlingen aus Osteuropa fiel die Tabuisierung der jüngsten österrei­chischen Geschichte und des österreichischen Antisemitismus in der Ersten Repu­blik offensichtlich leichter als den aus Österreich vertriebenen Juden. Denn diese erinnern sich daran, wie aus Nachbarn Ariseure und Verfolger wurden, während im kollektiven Gedächtnis osteuropäischer Juden nicht nur die Verfolgung durch die „deutschen“ Nationalsozialisten“ haften blieb, sondern auch die Erinnerung an russische Pogrome, an den aggressiven polnischen Antisemitismus, an die ungari­schen Pfeilkreuzler oder die rumänischen und ukrainischen Helfer der Nationalso­zialisten, die Besetzung und auch Verfolgung durch die Sowjetunion oder an die selbst nach der Shoah inszenierten Pogrome. Im Gegensatz dazu schien die Kaiser­zeit als die Zeit vor dem großen Umbruch, als Ruhe und Sicherheit.62 63 Der Kaiser galt als Schutzherr der Juden, und zudem kam der deutschen Sprache und Kultur in der Bukowina, in Ostgalizien, in Prag oder in Ungarn für die jüdische Minderheit eine ganz besondere Bedeutung zu.61 Viele der Überlebenden hatten jedoch die 59 W ern i k , Giza: Die Tochter von Mordechai Stolzberg aus Jamna. Schriftenreihe „Augenzeugen berichten“ des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich, Heft 2 ( 1990), S. 32. 60 Interview mit Peter Aran, Jerusalem 1994. 61 B ec k er m a n n : Unzugehörig, S. 102. 62 Lichtblau, Albert: Als hätten wir dazugehört. Österreichisch-jüdische Lebensgeschichten aus der Habsburger Monarchie. Wien-Köln-Weimar 1999. 63 Dazu vgl. Fr i edj un g, Prive: „Wir wollten nur das Paradies auf Erden.“ Die Erinnerungen einer jüdischen Kommunistin aus der Bukowina, hrsg. und bearbeitet von Albert Lichtblau und Sabine Jahn. Wien-Köln-Weimar 1995; Pollak, Martin: nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Buko­99

Next

/
Thumbnails
Contents