Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah
Jüdische Identitäten nach der Shoah nannten Ostjuden überdauerten die Shoah49 und setzten sich-auch in New York oder Jerusalem - nach 1945 fort. Die stark überalterte jüdische Gemeinde in Wien hat ihr Überleben letztendlich aber der Ansiedlung von jüdischen Flüchtlingen aus Osteuropa zu verdanken. Doch nicht nur österreichische Politiker,50 auch assimilierte österreichische Juden standen einer Niederlassung von jüdischen Flüchtlingen ablehnend gegenüber. Aus Angst vor Antisemitismus wollte die IKG einen idealtypischen Juden präsentieren; der Schwarzhändler, Hausierer und die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren auffallenden jüdischen Flüchtlinge hingegen sollten verschwinden.51 Die jüdischen Zuwanderer waren je nach religiöser Einstellung und geographischer Herkunft gespalten und in Landsmannschaften organisiert. Gesellschaftliche Kontakte wurden mit Menschen gleicher Sprache und gleicher Herkunftsländer gepflegt.52 Animositäten zwischen Juden aus Polen und Ungarn oder zwischen Orthodoxen und Zionisten oder selbst zwischen den einzelnen orthodoxen Gruppen lebten in Wien fort.53 Versuchten Wiener Juden an die österreichische Kultur oder Politik anzuknüpfen, so war für entwurzelte jüdische Flüchtlinge das Festhalten an religiösen oder kulturellen Traditionen der früheren Heimat zur Aufrechterhaltung ihrer Identität von großer Bedeutung. In den vielen jüdischen Flüchtlingslagern war man daher sehr bemüht, eine Infrastruktur zu schaffen, die das Leben nach religiösen Gesetzen ermöglichte. Während die Mehrheit der „Wiener Juden“ dem Zionismus fern stand, riefen jüdische Flüchtlinge auch zahlreiche zionistische Organisationen ins Leben. Von der IKG und vom politischen Leben in Österreich hielt man sich anfangs allerdings fern. 1954 machten ehemalige Flüchtlinge dann mit der Gründung der „Interessensgemeinschaft der Altösterreicher“ auf ihre Probleme in Österreich aufmerksam. Zu ihren primären Zielen zählten die Zuteilung von Darlehen und eine Erleichterung der Einbürgerung jüdischer Flüchtlinge. Die „Interessensgemeinschaft“ versuchte die gegen jüdische Zuwanderer gerichteten antijüdischen Vorurteile zu entschärfen, indem sie in Erinnerung rief, daß viele jüdische Flüchtlinge letztendlich aus der einst gemeinsamen Heimat Monarchie stammten. Von 49 Hinweise dazu finden sich vor allem in autobiographischen Texten, wie Binder, Otto: Wien - retour. Bericht an die Nachkommenden. Wien 1997, S. 27; Wachstein, Sonja: Habenberggasse 49. Erinnerungen an eine Wiener jüdische Kindheit und Jugend. Wien 1996, S. 116; Clare: Der letzte Walzer in Wien, S. 44. 50 Karl Renner meinte im Ministerrat, daß er nicht glaube, daß Österreich in „seiner jetzigen Stimmung noch einmal zulassen würde, diese Familienmonopole aufzubauen. Sicherlich würden wir es nicht zulassen, daß eine neue jüdische Gemeinde aus Osteuropa hierher käme und sich hier etabliere, während unsere eigenen Leute Arbeit brauchen.“ Vgl. Knight: „Ich bin dafür“, S. 52. 51 Embacher: Neubeginn, S. 91 f. 52 B ec kerman n , Ruth: Unzugehörig. Österreicher und Juden nach 1945. Wien 1989, S. 101. 53 Embacher: Neubeginn, S. 236. 97