Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah

Helga Embacher einmal gedacht, denn das war überhaupt nicht meine Identität.“42 43 Auch Bruno Krei­sky fühlte sich nur durch das „Wissen von Auschwitz“ an seine jüdische Herkunft gebunden und durch eine „sonderbare grausame Laune der Geschichte“ mit allen anderen „in einen Topf geworfen.“ Dennoch hielt er weiterhin an seiner Überzeu­gung fest, daß die Religionszugehörigkeit eines Menschen als Privatsache zu be­trachten sei. Er wollte sich nicht seiner „Herkunft unterwerfen“. Dahinter stand aber auch die Angst, als Jude erneut zum Außenseiter gestempelt und nicht als Sozialist und „echter Österreicher“41 anerkannt zu werden.44 Reinprecht spricht in diesem Zusammenhang von einer „doppelten Gebrochenheit“: Während politisch verfolgte Juden selbst oft nicht mehr Juden sein konnten bzw. wollten, werden sie von der Gesellschaft ständig auf ihre jüdische Herkunft gestoßen und stigmatisiert. Während ihnen Österreich und auch die politischen Parteien keine wirkliche Hei­mat mehr boten, setzte sich trotz Shoah ihre Entfremdung vom Judentum fort, das sich für sie nur noch als ein imaginäres Kollektiv darstellte.45 „Altösterreicher“ Zwischen 1945 und 1948 flüchteten über 100 000 jüdische Flüchtlinge (displaced persons) - Großteils illegal - aus Osteuropa nach Österreich, um von hier in die USA oder nach Palästina/Israel zu gelangen.46 Einige Tausend wagten aus den un­terschiedlichsten Gründen in Österreich einen Neubeginn. In den Anfangsjahren bestand nur wenig Beziehung zwischen den jüdischen Flüchtlingen aus Osteuropa und den Wiener Juden, ihre Beziehung glich eher einer gegenseitigen Abgrenzung. „Wir waren die Zuagraasten und haben mit den assimilierten Wiener Juden nichts zu tun gehabt“, kritisierte ein Überlebender aus Polen.47 48 Dem aus den USA zurück­gekehrten Schriftsteller Stefan Troller blieb die Leopoldstadt weiterhin fremd und nicht-jüdische Österreicher standen ihm trotz Shaoh näher als traditionell lebende Juden.4" Viele Ressentiments der bereits assimilierten Juden gegenüber den soge­42 Interview mit Dr. Hilde Koplenig, Wien 1990. Dazu vgl. auch Deutsch, Gitta: Böcklinstra- ßenelegie. Erinnerungen. Wien 1993; Kuhnert, Herbert: Der Anschluß. Wien 19S8. 43 Bei den Nationalratswahlen im Jahr 1965 bezeichnete die ÖVP auf den Wahlplakaten ihren Kan­didaten Josef Klaus als „echten Österreicher“, um auf die jüdische Herkunft des Gegenkandidaten Kreisky anzuspielen. 44 Kreisky, Bruno: Im Strom der Politik. Erfahrungen eines Europäers. Berlin 1988, S. 141 und S. 293 f.; Embacher, Helga - Reiter, Margit: Gratwanderungen. Die Beziehungen zwischen Österreich und Israel im Schatten der Vergangenheit. Wien 1998, S. 175-191. 45 Reinprecht: Zurückgekehrt, S. 75. 46 Al brich, Thomas (Hrsg): Flucht nach Eretz Israel. Die Bricha und der jüdische Exodus durch Österreich nach 1945. Innsbruck-Wien 1998. 47 Embacher: Neubeginn, S. 243. Zur Abgrenzung zwischen „österreichischen Juden“ und DP und zum Begriff„Ex-38er“ vgl. auch Sternfeld, Albert: Betrifft: Österreich. Wien 1990. 48 Troller, Georg Stefan: Selbstbeschreibung. Hamburg 1988, S. 253. 96

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