Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)

Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah

Helga Embacher USA und in Israel.5 In Österreich zählte die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) trotz der seit den Achtzigerjahren erfolgten Einwanderung von Juden aus der So­wjetunion und ihren Nachfolgestaaten nach 1945 kaum mehr als 10 000 Mitglieder. Der kleinen jüdischen Gemeinde kam in Österreich aber eine besondere Rolle zu. Allein durch ihre Existenz rief sie Österreichs Mittäterschaft in Erinnerung. Mit dem allmählichen Zerfall der „Opferthese“6 in den Achtzigerjahren erhielt die IKG mehr und mehr die Rolle einer moralischen Instanz im Staat.7 * Hier soll den komplexen Identitäten von Juden in Österreich nachgegangen wer­den. Warum waren Juden und Jüdinnen nach der Shoah bereit, in Österreich zu leben, an welche Traditionen versuchten sie anzuknüpfen? In einem abschließen­den Kapitel werden die Auswirkungen des Kalten Krieges und die damit erfolgte Teilung von Ost- und Westjuden auf die politische Ausrichtung der IKG Wien aufgezeigt. Neubeginn jüdischen Lebens nach der Shoah Von den rund 200 000 österreichischen Juden und Jüdinnen wurden 65 459 er­mordet, 130 000 konnten der nationalsozialistischen Verfolgung durch eine Flucht ins Ausland entkommen.* Lediglich einige Tausend kehrten nach Österreich, vor­wiegend nach Wien, zurück.9 Hugo Bettauers Prophezeiung von der „Stadt ohne Juden“ war fast Wirklichkeit geworden.10 * Das einst multikulturelle Wien hatte für viele Überlebende seinen früheren Charme verloren und wirkte oft nur noch ge­spenstisch. „Wo ich auch gehe und stehe, flattern die Gewänder der Toten um mich“, empfand der aus den USA zurückgekehrte Schriftsteller Friedrich Torberg." Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde - vor 1938 eine der reichsten und größten 5 Bunzl, John: Der lange Arm der Erinnerung. Jüdisches Bewußtsein heute. Wien-Köln 1987, S. 78; vgl. auch Clare, George: Letzter Walzer in Wien. Spuren einer Familie. Frankfurt am Main-Berlin-Wien, S. 315; Grinzgauz, Samuel: Das Jahr der großen Enttäuschungen. 5706 in der Geschichte des jüdischen Volkes. In: Commentary 1947, zitiert in Babylon 5 (1988), S. 73. 6 Zur „Opfer-These“ vgl. Bischof, Günter: Die Instrumentalisierung der Moskauer Deklaration nach dem Zweiten Weltkrieg, ln: Zeitgeschichte 1 1 und 12 (1993), S. 345-366. 7 Embacher, Helga: Die innenpolitische Partizipation der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich. In: Schwieriges Erbe. Der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik, hrsg. von Werner Bergmann, Rainer Erb, Albert Lichtblau. Frankfurt am Main 1995, S. 321-338. * Moser, Jonny: Österreichs Juden unter NS-Herrschaft. ln: NS-Herrschaft in Österreich, hrsg. von Emmerich Talos, Emst Hanisch, Wolfgang Neugebauer. Wien 1988, S. 185-199, hier S. 195. 9 W i 1 d er-0 k 1 ade k , Friederike: The Return Movement of Jews to Austria after the Second World War. With special consideration of the return from israel. The Hague 1970. 10 B ett au er, Hugo: Die Stadt ohne Juden. Wien 1922. " Grossberg, Mimi: Geschichte im Gedicht. Das politische Gedicht der austro-amerikanischen Exilautoren des Schicksalsjahres 1938. New York 1982, S. 84. 90

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