Helga Embacher, Gertrude Enderle-Burcel, Hanns Haas, Charlotte Natmessnig (Hrsg.): Sonderband 5. Vom Zerfall der Grossreiche zur Europäischen Union – Integrationsmodelle im 20. Jahrhundert (2000)
Erbschaft und Erben - Helga Embacher: Jüdische Identitäten nach der Shoah
Jüdische Identitäten nach der Shoah jüdischen Gemeinden Europas12 * - zählte Ende 1945 keine 4 000 Mitglieder, 1950 erhöhte sich ihre Zahl durch Remigration, vor allem aus Shanghai und Israel, auf 6 514.12 Als besonders markant erwies sich die Altersstruktur der Überlebenden; Juden kamen selten für einen Neubeginn nach Österreich zurück, sondern aufgrund von Krankheit, wegen ihres hohen Alters oder, weil sie sich in der Emigration nicht zurechtfanden.14 Die Tragik der Überalterung machte sich auch in der geringen Zahl der Elochzeiten bemerkbar, wenn 1952 ganze sieben, 1953 fünf und 1954 sieben gefeiert wurden. 1946 zählte die IKG nur rund 200 Kinder, die Großteils aus „Mischehen“ stammten.15 Der Neubeginn jüdischen Lebens erfolgte daher in Österreich ohne Illusionen und ohne Glauben an den Fortbestand einer jüdischen Gemeinde. „Es hieß damals, die Wiener Kultusgemeinde würde ein Friedhofsamt werden“, erinnerte sich Präsident Iwan Hacker an die Zeit des Wiederaufbaues.16 Die meisten der österreichischen Juden und Jüdinnen waren auch nach der Shoah um Assimilation bemüht, dem Zionismus und dem orthodoxen Judentum standen sie im allgemeinen fern. Wie die zionistische Zeitung Tribüne kritisierte, würden die Wiener Juden lieber für den Wiederaufbau des Stephansdomes als für den Aufbau des Staates Israel spenden.17 * Selbst in der Gemeinde, dem offiziellen Organ der IKG, galt statt des jüdischen Jahres weiterhin „nach Christi Geburt“.1* Jüdische Eltern zeigten nur wenig Interesse an der religiösen Erziehung ihrer Kinder, die vom „American Joint Destribution Committee“ (Joint), der größten amerikanischen jüdischen Hilfsorganisation, finanzierte jüdische Schule fand kaum Anklang und wurde vorwiegend von Kindern der jüdischen Flüchtlinge aus Osteuropa besucht. Auch die vielen „Mischehen“ und die seit Anfang der Füfnzigerjahre stark zunehmenden Austritte aus der IKG verweisen auf eine hohe Assimilationsbereitschaft. Offensichtlich erlaubte der zeitliche Abstand zur Shoah eine allmähliche Loslösung vom jüdischen Kollektiv.19 12 Beller, Steven: Vienna and the Jews, 1867-1938. A Cultural History. Cambridge 1989; Berkley, George E.: Vienna and the Jews. The Tragedy of Success. Cambridge 1988. 17 Wilder-Okladek: The Return Movement, S. 108. 14 Zur Problematik der Remigration vgl. Reinprecht, Christoph: Zurückgekehrt. Identität und Bruch in der Biographie österreichischer Juden, Wien 1992; Embacher, Helga: „Was, Sie san wieder da? Und mir ham glaubt. Sie san verbrennt wurdn.“ Zur Rückkehr von Vertriebenen in Österreich, ln: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 1 (1995), S. 79-106. 15 Report on Austria by Lady Reading, American Jewish Archive, Cincinnati/Ohio: WJC H 43, Austria 1946. 16 Die Gemeinde, September 1983, S. 5. 17 Tribüne, Mai 1955, S. 5. 14 Embacher: Neubeginn, S. 41 19 Ebenda, S. 205. 91