Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

István Czigány: Ständige Ungarische Archivdelegation beim Österreichischen Staatsarchiv

Istvân Czigâny wird ihre Hilfe von immer mehr ungarischen und nicht ungarischen Forschem beansprucht, die sie um Datenlieferung zu den verschiedensten Zwecken - von genealogischen Forschungen über die Identifikation von Soldatengräbern bis zu archäologischen Fragen - ersuchen. Da die ungarische Seite seinerzeit die Möglich­keit, eine Archivdelegation auch im Heeresgeschichtlichen Museum aufzustellen, nicht wahrgenommen hatte, wurden und werden auch die damit verbundenen Auf­gaben von den Mitgliedern der ständigen ungarischen Archivdelegation im Kriegs­archiv verrichtet. Zu ihren Obliegenheiten gehört auch, die Archivbestände zu kopieren, die durch das Abkommen von Baden als gemeinsames Eigentum bezeichnet in Wien ver­wahrt werden. Mit dieser Arbeit wurde bereits vor dem Zweiten Weltkrieg begon­nen. Die Experten der damals auch zahlenmäßig noch starken Archivdelegation schrieben die aus dem 17. Jahrhundert stammenden Urkunden in gotischer Kur­sive, deren Lesung manchmal selbst für österreichische Historiker problematisch ist, auf der Schreibmaschine ab und schickten dann dem ungarischen Archiv für Kriegsgeschichte die beglaubigten Kopien - leider nur verhältnismäßig wenige - zu. Dank dieses heute schon veralteten Verfahrens sind viele Dokumente auch in Ungarn zugänglich geworden. Ebenfalls zu dieser Zeit begann man mit der Auf­nahme der Akten ungarischer Provenienz, zu welcher Arbeit mitunter auch die Sti­pendiaten des Collegium Hungaricum herangezogen wurden. Die besten Ergeb­nisse auf diesem Gebiet wurden bei der Erschließung der Landkartensammlung des Kriegsarchivs erzielt. Von den hier verwahrten Karten mit ungarischem Bezug wurde ein Verzeichnis von Kalman Eperjesi angelegt, und von den Ungarn betref­fenden Blättern der Josephinischen Aufnahme wurden Schwarzweißfotokopien an­gefertigt. Das Material der gemeinsamen Bestände wurde darüber hinaus auch durch kleinere und größere Quellenpublikationen für das breitere Fachpublikum zugänglich. Eine zügigere Erschließung und zugleich das Kopieren des Schriftgutes mit unga­rischem Bezug begannen erst am Anfang der siebziger Jahre wieder, als die Archiv­bestände schon auf Mikrofilmen gespeichert wurden. Diese Arbeit wurde jedoch nicht systematisch, von Bestand zu Bestand, sondern im Zusammenhang mit be­deutenderen historischen Ereignissen - wie 1976 anläßlich des 300. Geburtstages von Fürst Ferenç II. Räköczi oder 1986 anläßlich Ofens Befreiung von den Türken - durchgeführt. In den vergangenen Jahren entwickelte sich eine äußerst erfolgreiche Zusam­menarbeit zwischen den österreichischen Kollegen und den Mitgliedern der ständi­gen ungarischen Archivdelegation. Die Bestimmungen des Abkommens von Baden aus dem Jahre 1926 werden durch die österreichische Seite, näher die Leitung und die Mitarbeiter des Österreichischen Staatsarchivs, nicht nur weitestgehend einge­halten, sondern - immer mit Rücksicht auf die wissenschaftlichen Ansprüche - auch noch mit der größten Elastizität gehandhabt. Darüber hinaus tragen sie durch die Sicherung äußerst günstiger Arbeitsbedingungen sowie den schier völligen Ab­bau bürokratischer Barrieren in hohem Maße dazu bei, daß die täglich anfallenden gemeinsamen Angelegenheiten in kollegialer Zusammenarbeit, schnell und reibungslos erledigt werden können. Natürlich sind auch die ständige ungarische 77

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