Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)
Rainer Egger: Die ungarische Kriegsarchivdelegation in Wien vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg
Rainer Egger Für die bei den höheren Kommanden der k.u.Landwehr und des k.u.Landsturms erwachsenen Akten wurde festgelegt, daß diese nach Ablieferung an das k.u.Lan- desverteidigungsministerium dort kopiert werden sollten, dann wären die Originale dem KA in Wien weiterzugeben3. (Eine Praxis, die laut Hoen nach dem Umsturz 1918 stillschweigend erlosch, die Aktenablieferungen nach Wien reichten bis etwa 1916)4. Am 17. Jänner 1916 traten zwei Flonvédoffiziere Major Ivan Martin des HIR 10 und Hauptmann Georg Tury des HIR 12, den Dienst im KA an, womit die ersten Offiziere der Ungarischen Landwehr offiziell ihren Arbeitsplatz im Wiener KA hatten5. Damit war ungarischerseits etwas erreicht worden, was 1911 noch gescheitert ist; auch damals wollte man die Kommandierung von Honvédoffizieren in das KA erreichen, sie sollten sich speziell mit Themen der ungarischen Kriegs- und Militärgeschichte befassen. So wollte es jedenfalls das Honvédministerium. Bedenken dagegen kamen nicht nur aus der Militärkanzlei des Thronfolgers sondern auch vom Direktor des KA. In einem Referat für den Erzherzog meinte dessen Militärkanzlei, das k.u.Landesverteidigungsministerium würde in absehbarer Zeit ein Archiv einrichten um das seit 1867 angewachsene Aktenmaterial zu verwahren. Dieses Archiv dürfe nur eine Sammelanstalt werden, aber keine Arbeitsstelle, dies sei allein das k.u.k.KA in Wien, nur hier sollten kriegswissenschaftliche Arbeiten in deutscher Sprache verfaßt werden. „Nur auf diese Weise könnte wenigstens der militärische Teil der in vielen Kapiteln so schwierig zu behandelnden ungarischen Geschichte einer Bearbeitung zugeführt werden, welche den Interessen nicht zu abträglich ist.“ Auch General Woino- vich hatte seine ernsten Bedenken gegen jeden Versuch, in streng reservate Akten der Jahre 1848/49 Einsicht zu nehmen, außerdem: im KA befinden sich viele „nicht gänzlich abzuschließende Akten, die einem ungarisch fühlenden Historiker wahrscheinlich sehr willkommen wären ...“ Und damit waren diese ersten Pläne, die von Seiten der Honvéd sicher auch politisch motiviert waren, gescheitert6. Mit dem Ende des Weltkrieges trat zunächst eine rechtlich völlig unsichere und ungeordnete Situation ein, Ivan Martin vertrat als Oberstleutnant nun die ungarischen Interessen im KA, 1920 wird Georg Tury (von Nagyszeged) inzwischen ebenfalls Oberstleutnant als Leiter der ungarischen Kriegsarchivsdelegatiori bezeichnet. Im Jänner 1919 war außerdem der ungarische Generalstabs-Oberstleutnant Adalbert Janky von Bulcs, Angehöriger der ungarischen Liquidierungskommission (bisher Flügeladjutant des Kriegsministers) mit der Wahrung der ungarischen Interessen im KA betraut7. 3 KM 1915 5. Abt. 61-181/3. 4 Ms-KA 4: Hoen, Chronik des Kriegsarchivs II, 120 5 KM 1916 5. Abt. 33-1/1; Kriegsarchiv, Direktion (KA) 14/1916, 279/1917. 6 Vgl. dazu. Egger, Rainer: Der erste Versuch, eine ungarische Kriegsarchivdelegation in Wien einzurichten (1910/11), in: Beiträge zur Landeskunde des burgenländisch-westungarischen Raumes (Festschrift für Harald Prickler zum 60. Geburtstag; Burgenländische Forschungen, Sonderband XIII, Eisenstadt 1994, S. 89-92). 7 Ms-KA 4: Hoen, Chronik II, 115; vgl. auch Glaise (wie Anm. 1): Bd. 1, S. 535, Anm. 50. 67