Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

Rainer Egger: Die ungarische Kriegsarchivdelegation in Wien vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg

DIE UNGARISCHE KRIEGSARCHIVDELEGATION IN WIEN VOM ERSTEN BIS ZUM ZWEITEN WELTKRIEG von Rainer Egger „Mit lüsternen Augen blicken wir nach Wien, wo zur Pflege der Kriegsgeschichte des gemeinsamen Heeres ein mächtiges Archiv, Bibliothek und eine geographische Abteilung zur Verfügung steht.“ So konnte man in einem Artikel vom 19. Juni 1915 im Budapesti Hirlap lesen, der für die Einrichtung eines ungarischen Kriegsarchivs und eines ungarischen Kriegsmuseums in Budapest eintrat. Der im Pressedienst des k.u.k. Kriegsministeri­ums ins Deutsche übersetzte Text wurde über Wunsch des Hauptmannes Glaise- Horstenau der 5. Abt. dieses Ministeriums zur Bearbeitung überwiesen „mit Rück­sicht auf eine im KM laufende ... Angelegenheit“1. Aber weiter in dem erwähnten Artikel nach welchem jede Nation selbst über die Taten ihrer Söhne schreiben will... „Und wir können hingegen nicht von Fremden erwarten, daß sich dieselben für unsere Männer begeistern.“ (Die „Fremden“ veranlaßten Glaise zu der Randbemerkung „das ist doch un­glaublich!!“) „Es ist unsere Pflicht, die ungarische Streitkraft zu unterstützen und die Verdien­ste der Söhne unserer Monarchie zu würdigen. Zum Zwecke der Entwicklung der ungarischen Militärwissenschaften müssen wir uns mit den Kriegstaten der Söhne unseres Vaterlandes selbst befassen, denn der Angehörige einer fremden Nation wird dieselben nicht nach unserem Geschmack und nach den natürlichen Anforde­rungen des ungarischen Kriegsgenius niederschreiben.“ Daher der Vorschlag, in Budapest ein ungarisches Kriegsarchiv einzurichten. „Im Anschluß an all dieses stellt sich uns die Frage entgegen, von wo wir das Material des Kriegsarchivs samt den dazugehörigen Behelfen nehmen und wo wir dasselbe unterbringen sollen.“ Denn: die Kriegstagebücher, auch der ungarischen Einheiten, gelangen in das k.u.k. Kriegsarchiv (KA) in Wien, Zweitschriften sollen nach Budapest kommen, ebenso Kopien aus dem Wiener KA ab 1557. * ' Alle für diese Arbeit herangezogenen Archivalien stammen aus dem Kriegsarchiv Wien. Kriegsmini­sterium (KM) 1915, 5. Abt. 61-181/3. Edmund von Glaise-Horstenau war von Dezember 1914 bis Juli 1915 eingeteilt in der 5. Abteilung des k.u.k. Kriegsministeriums, er hatte hier operative und politische Angelegenheiten zu bearbeiten, daneben unterrichtete er an der Konsularakademie und ar­beitete auch journalistisch. Im Jahre 1925 wurde Glaise Direktor des Kriegsarchivs. Vgl.: Broucek, Peter: Ein General im Zwielicht, Die Erinnerungen Edmund Glaises von Horstenau, Band 1, 1980, S. 315-321. 65

Next

/
Thumbnails
Contents