Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)
Manfred Stoy: Die Ausbildung von ungarischen Historikern am Institut für österreichische Geschichtsforschung
Die Ausbildung von ungarischen Historikern am Institut für österreichische Geschichtsforschung Im Jahre 1885 wurde dann der Versuch unternommen, in Rom gemeinsam mit den Ungarn aufzutreten. Allerdings stieß der Plan selbst, dort ein österreichisch-ungarisches Institut zu gründen, nicht nur in politischen Kreisen Ungarns auf Widerstand, sondern auch bei den Beamten des gemeinsamen auswärtigen Amtes. Andererseits lag es für die Ungarn nahe, für die entsprechenden Vorhaben in Rom Forscher aus der Wiener Schule zu verwenden. Sobald Fraknöi erfahren hatte, daß Sickel im Winter 1885/86 mit mehreren Schülern nach Rom fahren wollte, traf er die Vorbereitungen zu einem gemeinsamen Auftreten in der Stadt. Es schlossen sich ihm dabei Lajos Thallöczy9 und die aus dem Wiener Institut hervorgegangenen Fejérpataky und Pettkö an. Sickel fühlte sich, wie er in seinen Erinnerungen betont, Fraknöi für die Einführung in die Vatikanischen Archive für alle Zeiten zu tiefem Dank verpflichtet10 11. Vor der Nennung und kurzen Charakterisierung der am Wiener Institut ausgebildeten ungarischen Historiker ist es angezeigt, einen kurzen Blick auf das Lehrprogramm und die entsprechenden Lehrer zu werfen. Im Jahre 1874 hatte Sickel nach Rücksprache mit dem nach Wien berufenen Heinrich Ritter von Zeißberg (1839-1899) seinen Entwurf zur Reorganisation des Instituts vorgelegt, das am 22. September gebilligt wurde. Man war sich darüber klar geworden, daß das Institut keineswegs bloß den akademischen Nachwuchs hervorzubringen habe, sondern für die Berufe des Archivars, Bibliothekars und Kustos vorbereiten müßte. Wie sah nun das Programm von 1874 aus? Im ersten und zweiten Semester Paläographie I und II gehalten von Franz Kürschner11, Quellenkunde I und II gehalten von Zeißberg, Kunstgeschichte I von Moriz Thausing12 und Chronologie von Sickel. Im dritten Semester waren vorgesehen Quellenlektüre von Zeißberg, Kunstgeschichte II von Thausing, Diplomatik I von Sickel, im vierten Paläographische Übungen (III) von Kürschner, Heraldik und Sphragistik ebenfalls von Kürschner, Diplomatik II von Sickel und Kunstgeschichte II von Thausing. Im fünften Semester gab es Diplomatik III von Sickel, Quellenlektüre von Zeißberg, ein kunsthistorisches Seminar von Thausing sowie die Archivkunde von Kürschner und im sechsten Semester Bibliothekswissenschaft von Thausing. Im allgemeinen waren die Veranstaltungen zweistündig, die Diplomatik drei- respektive vierstündig, die Paläographie I und III dreistündig, Archivkunde und Bibliothekswissenschaft einstündig. Die österreichische Geschichte wurde in dieser Zeit an der Universität von Ottokar Lorenz und teilweise Zeißberg vertreten. Sehr bald übernahm Karl Rieger13, der sich 1876 für historische Hilfswissenschaften habilitiert hatte, die Paläographie von Kürschner, um sie bereits 1881 an den auf eine außerordentliche Professur nach Wien berufenen Engelbert Mühlbacher abzuge9 Lajos Thallöczy. In: MÉL 2. Aufl. Bd. 2 (1982) S. 851. - Stadtmüller, Georg: Lajos Thallöczy. In: BLGSOE 4 (1981) 294-296. 10 Sickel: Römische Erinnerungen. S. 78-79. 11 Lhotsky: Geschichte, S. 129, 135-136, 149. - ÖB1 4 (1969), S. 328-329. ,z Lhotsky: Geschichte, S. 78, 82, 96, 129, 135-136, 150, 152-153, 156,166, 170, 175, 180, 205, 208, 210, 232, 236, 248 u. 315. - Mühlbacher, Engelbert: M. Thausing. In: MIÖG 6 (1885) 198-202. 13 'Lhotsky: Geschichte, S. 61, 136, 142,150, 153,156, 159, 216. 50