Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

Manfred Stoy: Die Ausbildung von ungarischen Historikern am Institut für österreichische Geschichtsforschung

Manfred Stoy zumindest ebensogut wie die neidischen Nachbarn beherrschen. Daher war die Ausbildung in den mehr handwerklichen Disziplinen der Geschichtsforschung durchaus eine Waffe, um sich gegen diejenigen zu wehren, die einem den Glanz der eigenen Vergangenheit zunichte machen wollten4. Was die Ausbildung von Ungarn am Institut für österreichische Geschichtsfor­schung anbelangt, so hatte aber diese noch einen besonderen Grund. Im Zuge der für die Monumenta Germaniae Historica durchzuführenden Untersuchung der kai­serlichen Privilegien für die römische Kirche, insbesondere das Privileg Ottos I. von 962 begab sich Theodor Sickel nach Rom, doch gelang es ihm 1876 nicht, sich Ein­laß in das Vatikanische Archiv zu verschaffen. Erst als es Papst Leo XIII. 1879 der wissenschaftlichen Forschung zugänglich machte, faßte er den Entschluß, nach dem Vorbild der in Rom existierenden wissenschaftlichen Institute des Deutschen Rei­ches und Frankreichs eine ähnliche Einrichtung seitens Österreichs mit dem Ziel der Erforschung von Beständen des Vatikanischen Archivs zu errichten. Bei einer Sickel im Juni 1881 gewährten Audienz ergriff dann Kaiser Franz Joseph I. persön­lich die Initiative und stellte Geldmittel zur Verfügung, so daß bereits im Winter 1881/82 die ersten österreichischen Stipendiaten ihre Arbeit im Vatikanischen Ar­chiv beginnen konnten. Damit war das Österreichische Historische Institut, das Isti- tuto Austriaco di Studi Storici in Rom begründet. Räume erhielt es allerdings erst im Juli 1896,1893 ein eigenes Statut5. Der Kaiser selbst hatte bei der Initiative zur Errichtung die Gesamtmonarchie im Auge gehabt. Jenseits der Leitha war es je­doch als Reaktion auf die Öffnung der Vatikanischen Archive zu einer eigenen Be­wegung gekommen, indem durch den Klerus, der sehr stark am wissenschaftlichen Leben beteiligt war, die beachtliche Summe von 40.000 Gulden aufgebracht wurde, um Forscher, womöglich aus dem geistlichen Stande nach Rom zu entsenden, die dort die Urkunden und Akten zur Geschichte Ungarns edieren sollten. Von Wien in Aussicht gestellte Subventionen entsprachen zwar nicht dem nationalen Inter­esse, doch strebten Kardinal Layos Haynald6 und der Historiker Vilmos Fraknöi7, beide Freunde des Wiener Instituts für österreichische Geschichtsforschung, eine Verständigung an. Sie richteten es so ein, daß schon ab 1875 eine Reihe von Un­garn das Wiener Institut besuchen konnten und zwar als Stipendiaten der Akade­mie von Budapest. Den Ausschlag hatte dabei gegeben, daß die früher am Institut ausgebildeten Historiker Gustav von Gözsy, Franz Supala und Tadija Smiciklas (Kroate)8 als besonders gut geschulte Historiker galten. 4 Leitsch: Wien und die Ausbildung, S. 149. 5 Sickel: Römische Erinnerungen, Einleitung S. 4-5. 6 Ebda., S. 73-74. Siehe zu Lajos Haynald Lexikon für Theologie und Kirche. 3. neubearb. Aufl. hrsg. v. Walter Kasper: Bd. 4, Freiburg 1995, sp. 1223-1224 (G. Adriänyi). - Magyar életrajzi lexikon (MÉL). Föszerk. Kenyeres Agnes 3. Aufl. 1. A-K. Budapest 1981. S. 688. 7 Nehring, Karl: Vilmos Fraknöi. In: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas (BLGSOE), hrsg. v. Mathias Bernath u. Felix v. Schroeder. Bd. 1. A-F. (= Südosteuropäische Ar­beiten 75), München 1974. S. 520-521. - MÉL 1 (1981) S. 535. 8 Sidak, Jaroslav: Tadija Smiêiklas. In: Enciklopedija Jugoslavije. Bd. 7, Zagreb 1968, S. 412. - Man­fred Stoy, T. S. In: BLGSOE 4 R-Z (1981) S. 145-146. Constantin Jirecck. T. S. In: MIÖG 36 (1915) 217. 49

Next

/
Thumbnails
Contents