Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

Manfred Stoy: Die Ausbildung von ungarischen Historikern am Institut für österreichische Geschichtsforschung

Die Ausbildung von ungarischen I listorikern am Institut für österreichische Geschichtsforschung Wieso kam es nun zur so starken Ausrichtung auf die Hilfswissenschaften? Wohl war gleich zu Beginn ein reiches Programm für einen dreijährigen Kurs ausgearbei­tet worden, jedoch war der erste Direktor Albert Jäger Autodidakt (1801-1891) und besaß keinerlei Ausbildung in den historischen Grundwissenschaften. Nun er­gab es sich, daß der in Halle an der Saale und Berlin ausgebildete Theodor von Sickel (1826-1908), der am Unterricht der 1821 gegründeten und 1846-1847 refor­mierten École des Chartes teilgenommen hatte, zur Durchführung von Forschun­gen an das Haus-, Hof- und Staatsarchiv nach Wien kam und durch Vermittlung von Ottokar Lorenz2 mit dem Institut für österreichische Geschichtsforschung in Verbindung trat. Auf Antrag Jägers wurde Sickel bereits 1856 zum besoldeten Do­zenten für Quellenkunde und Paläographie (nicht an der Universität) ernannt (1857 a. o. Professor an der Universität), 1869 hat er dann die Leitung des Instituts übernommen und dieses ganz nach dem Vorbild der École des Chartes eingerich­tet. In der Folge betrieb er neben seiner erfolgreichen Lehrtätigkeit vor allem die Schöpfung und den Ausbau der modernen Urkundenforschung. Nach der Über­siedlung Sickels nach Rom im Jahre 1891 hat bis 1896 Heinrich Ritter von Zeißberg die Institutsgeschäfte geführt, auf ihn folgte Engelbert Mühlbacher, (seit 1881 a. o. Prof, an der Universität Wien) der das Institut bis zu seinem frühen Tode im Jahre 1903 leitete. Mühlbacher, ein Schüler Julius von Fickers, hat dessen rechtsge­schichtliche Forschungsrichtung mit der Wiener Schule vereinigt. Diese Verbin­dung hat sich als außerordentlich fruchtbar erwiesen und wurde dann vor allem durch Oswald Redlich, Alfons Dopsch und Hans Hirsch weiterentwickelt3. Was man also am Institut für österreichische Geschichtsforschung lernen konnte, war die zu der Zeit verfeinertste Form des mediävistischen Handwerks. Diese so­lide Schulung in den mediävistischen Hilfswissenschaften fand Anklang auch bei den Nichtdeutschen in der Monarchie und die Ausbildung am Institut hat zur He­bung des Niveaus der Mittelalterforschung bei fast allen Völkern der Monarchie wesentlich beigetragen. Die politische Aufgabe des Instituts wurde nicht wahrge­nommen, aber gerade deshalb konnte es die Funktion einer zentralen Ausbildungs­stätte des Reiches erfüllen. Die Tschechen, Ungarn, Polen und Slovenen kamen ja mit der Absicht nach Wien, hier etwas zu lernen, das ihnen bei der Erforschung der Geschichte ihrer Völker zugutekommen würde. Um für die Auseinanderset­zung mit den Nachbarn gerüstet zu sein, gegen die ungeliebten Nachbarn besser be­stehen zu können, die die Glaubwürdigkeit der Quellen und damit das hohe „Al­ter“ der eigenen Gemeinschaft in Frage stellen könnten, mußte man Quellenkritik 2 Lhotsky: Geschichte, S. 45^17. Sickel, Theodor von: Römische Erinnerungen. Nebst ergänzenden Briefen und Aktenstücken. Hrsg. v. Leo Santifaller. (= Veröffentlichungen des Instituts für öster­reichische Geschichtsforschung 3), Wien 1947. VIII, 512 S. Hier S. 1-2 u. 91. - Zu Lorenz: Bittner, Ludwig: Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs Bd. 1 (= Inventare Österreichi­scher Staatlicher Archive 5; Inventare des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs 4), Wien 1936, S. 81- 83. - Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950. (ÖBL) Hrsg. v. d. Österr. Akad. d. Wissen­schaften u. d. Ltg. v. Leo Santifaller, bearb. v. Eva Obermayer-Marnach. Bd. 5, Wien 1972, S. 318-319. 3 Santifaller: Das Institut, S. 17-20. 48

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