Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

Manfred Stoy: Die Ausbildung von ungarischen Historikern am Institut für österreichische Geschichtsforschung

DIE AUSBILDUNG VON UNGARISCHEN HISTORIKERN AM INSTITUT FÜR ÖSTERREICHISCHE GESCHICHTSFORSCHUNG von Manfred Stoy Die Ausbildung der Historiker in der Ära Metternich war altmodisch und auf nie­derem Niveau steckengeblieben. Nach den Ereignissen des Jahres 1848 ging die österreichische Zentralverwaltung daran, die Universitäten zu modernisieren, was auch auf das Studium der Geschichte Auswirkungen hatte. Neben dem Minister für Cultus und Unterricht, dem Grafen Leo Thun-Hohenstein, wirkte im Unterrichtsministerium dessen Staatssekretär Josef Alexander Helfert, ein ausgebil­deter Jurist, der eine Reform des Geschichtsstudiums anstrebte und zu diesem Zweck die Unterrichts- und Forschungseinrichtungen in England, Frankreich und Rußland studierte. Es ging ihm bei seinen Ideen und Plänen vor allem darum, den Geschichts­unterricht so auszubauen und zu gestalten, daß er die Staatsbürger in ihrer Gesin­nungstüchtigkeit in einem Ausmaß zu stärken vermochte, daß sich die Ereignisse des Jahres 1848 nicht wiederholen konnten. Nach dem Willen Helferts sollte der Ge­schichtsunterricht vor allem klar erkennen lassen, daß Großösterreich eine providen­tielle Notwendigkeit wäre. Um eben diese Bestrebungen zu fördern, sollte in Wien ein Institut geschaffen werden, an der die vaterländische Geschichte gepflegt würde, so daß von diesem Brennpunkt aus die Strahlen nach allen Seiten hin bis zu den ent­ferntesten Endpunkten dringend, und von da an zurückfallend, als gesamt-öster­reichisches Bewußtsein in dem gemeinsamen Mittelpunkt sich wieder vereinigten. Unter diesen Auspizien wurde im Jahre 1854 das Institut für österreichische Ge­schichtsforschung gegründet, das allerdings mit der Universität Wien respektive der Philosophischen Fakultät in einem gewissen Zusammenhang stand. In den Anfängen war noch davon die Rede, daß dabei der Einfluß auf die Entwicklung der vaterländi­schen Gesinnung ebenso wichtig sei wie die Förderung der Wissenschaft an sich. Im Laufe der Jahre wandten sich jedoch die Mitglieder des Instituts immer mehr der Pflege der Hilfswissenschaften zu und die ursprünglich geplante staatspolitisch-päda­gogische Funktion wurde eigentlich nie wahrgenommen1. * Zur Institutsgeschichte: Hirsch, Hans: Das österreichische Institut für Geschichtsforschung 1854- 1934. Festrede, gehalten am 13. Dezember 1934, anläßlich der 80-Jahr-Feier im großen Festsaal der Universität in Wien. Innsbruck 1935. 14 S. - Santifaller, Leo: Das Institut für österreichische Ge­schichtsforschung. Festgabe zur Feier des zweihundertjährigen Bestandes des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs. Wien 1950. 164 S. Hier S. 13-22. - Lhotsky, Alphons: Geschichte des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 1854-1954. Festgabe zur Hundert-Jahr-Feier des Instituts. (= Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (MIÖG) Erg. Bd. 17) Graz, Köln 1954. XII, 424 S. Hier S. 1-19. - Leitsch, Walter: Wien und die Ausbildung von Historikern osteuro­päischer Länder. In: MIÖG 94 (1986) 143-158. 47

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