Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)

Walter Rauscher: Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit

Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit tschechoslowakischen nicht mithalten konnte. Österreich war wiederum nicht an einem Zuwachs starker agrarischer Länder wie Ungarn oder Jugoslawien gelegen. Beiden Staaten, besonders aber Ungarn, konnte auch nichts an einem Anschluß an die Kleine Entente liegen, betrachtete sich diese doch als Hüter des Pariser Friedensvertragswerkes. Vor allem der Gegensatz zwischen Prag und Budapest verhinderte jede Realisierung einer Donaukonföderation. Auch hinsichtlich eines Projekts einer österreichisch-ungarischen Zollunion blieb es lediglich bei der Idee. Immerhin wurde aber 1931 ein bilateraler Handelsvertrag abgeschlossen16. Die politischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn verbesserten sich durch das Regime des Ständestaates naturgemäß weiter. 1934 besuchten Engelbert Dollfuß und später Kurt Schuschnigg nicht bloß Ungarn. Am 17. März 1934 wurden auch die Bilateralen sogenannten „Römer Protokolle“ mit Italien unterzeichnet17, die eine engere Kooperation der drei autoritär geführten Staaten - gerade auch auf wirtschaftlichem Gebiet - vorsahen. Es folgten gemeinsame Konferenzen in den drei Hauptstädten, deren letzte im Jänner 1938 in Budapest stattfand. Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers war allerdings auch die Anschlußfrage neuerlich brisant geworden: Ungarn verhielt sich ihr gegenüber zurückhaltend18. Man fürchtete die deutsche Zollpolitik gegen die magyarischen Getreide- und Mehlexporte nach Österreich; angesichts des deutschen „Drangs nach Osten“ sah man auch eine Bedrohung der eigenen nationalen Identität. Andererseits sprach Gömbös anläßlich seines Staatsbesuchs in Berlin im März 1933 Hitler gegenüber vom „Kuchen Österreich“, der zwischen seinen Nachbarn Deutschland, Italien und Ungarn aufgeteilt werden sollte. Im Juni 1933 warb Gömbös bei Hitler um eine Aussöhnung zwischen den beiden „Schwestemationen“. Als Bundeskanzler Schuschnigg Reichsverweser Horthy in Gödöllö besuchte, sprach der Kontreadmiral vom „armen Österreich“, dem nichts anderes übrig bleibe, „als Kontakte zum großen Deutschen Reich zu suchen“. Auch Gömbös riet Schuschnigg das deutsch-österreichische Verhältnis so schnell als möglich zu ordnen. Eine Denkschrift des ungarischen Generalstabs vom August 1934 erwog wiederum, das Burgenland zu besetzen, sollte es infolge innerer Wirren zu einer internationalen militärischen Intervention in Österreich kommen19. Seit 1936 rechnete man in Ungarn mit dem Anschluß, hatte doch selbst Mussolini seine schützende Hand über Österreich zurückgezogen. Nach dem Rheinland, so dachte man in Budapest, würde wohl Österreich folgen. Gemeinsam mit dem Deutschen Reich und Italien wollte Ungarn dann an die Revision der Grenze mit der Tschechoslowakei gehen. 16 Zu den Wirtschaftsbeziehungen der beiden Nachbarn zwischen 1927 und 1931 siehe Haslinger, Hundert Jahre, 191-211. 17 Der Ausbau der trilateralen Wirtschaftsachse umging das international festgeschriebene Meistbegün­stigungsprinzip und konstruierte ein System aus Zollpräferenz, Einfuhrkontingenten und einseitigen Kreditvergünstigungen. 18 Dollinger, G.: Ungarns Außenpolitik 1933-38 und der Anschluß Österreichs (Wien 1982) passim. 19 Jedlicka, Ludwig: Österreich und Italien 1922-1938. In Wissenschaft und Weitblick (1973). 45-61; hier 59. 44

Next

/
Thumbnails
Contents