Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)
Walter Rauscher: Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit
Walter Rauscher stehenden Heimwehr zu Hilfe zu eilen. Durch den Wahlerfolg des bürgerlichen Lagers mußte dieser Plan nicht in die Tat umgesetzt werden13. Im Zuge der innenpolitischen Verschärfung in Österreich beschlossen Mussolini und Bethlen 1928 ein gemeinsames Aktionsprogramm zugunsten der österreichischen Heimwehren14. Budapest hatte seit Jahren gefürchtet, daß ein Sieg der österreichischen Sozialdemokratie zu einer Annäherung der Alpenrepublik an die Tschechoslowakei und so zur vollständigen Einkreisung Ungarns führen könnte. Dies sollte durch einen Putsch von rechts verhindert werden. Ein solcher Art installiertes autoritäres Regime in Österreich, so meinte Bethlen, wäre in der Südtirolfrage passiver; es würde außerdem den Anschluß an Deutschland nicht mehr vorantreiben und einen reibungslosen Waffentransfer nach Ungarn sicherstellen. Im geheimen besprach die Heimwehr mit Rom und Budapest weitere Pläne zur Durchführung des Staatsstreichs. Die Kontakte liefen dabei bei Béla Janky, dem ungarischen Gesandtschaftsrat in Wien und Verwandten Miklös Horthys, zusammen. Der von Budapest favorisierte Heimwehrführer Richard Steidle besprach mit Bethlen in Fonyöd am Plattensee am 28. Juli 1928 die Details zum Putsch. Als Anlaß sollten die für den 7. Oktober in Wr. Neustadt angekündigten Aufmärsche der Heimwehr und des sozialdemokratischen Republikanischen Schutzbundes dienen. Mussolini gegenüber erklärte Steidle sich übrigens schriftlich zum Verzicht auf Südtirol bereit. Sehr zur Enttäuschung der Regime in Budapest und Rom verliefen die Aufmärsche in Wr. Neustadt jedoch ohne Zwischenfälle, sodaß der geplante Staatsstreich erst gar nicht versucht wurde. Bethlen wandte sich darauf in der Folgezeit von den Putschvorhaben der österreichischen Heimwehr ab; nicht zuletzt deswegen, da er nicht gegen den konservativen Bundeskanzler Schober auftreten wollte; von diesem hatte man sich freilich ursprünglich ein aktiveres Vorgehen gegen die Sozialdemokraten erhofft. Budapest sah zudem im 1931 Unterzeichneten österreichisch-ungarischen Freundschaftsvertrag weitgehend die Voraussetzung gegeben, daß Österreich sich nicht der Kleinen Entente anschließen würde. Angesichts der allgemeinen Wirtschaftskrise in Europa wurde eine engere Kooperation zwischen Österreich und Ungarn zunehmend öffentlich diskutiert. Beinahe die gesamte Zwischenkriegszeit hindurch beschäftigte die besonders von Frankreich forcierte Idee einer Donaukonföderation die Gemüter. Das Konzept eines engeren Zusammenschlusses der Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie, bisweilen gerade etwa auch von Elemér Hantos als Mitteleuropa-Plan bezeichnet, rief bis 1938 aber weder in Österreich noch in Ungarn breitere Resonanz hervor15. Ungarn fürchtete um seine eigene Industrie, die beispielsweise mit der 13 Kerekes, St. Germain, 195; 209 f., ders.: Die weiße Allianz. In: Österreichische Osthefte (1965). 353-366. 14 Ausführlich bei Kerekes, Lajos: Abenddämmerung einer demokratie. Mussolini, Gömbös und die Heimwehr (Wien/Frankfurt/Zürich 1966); Haslinger, Peter: Hundert Jahre Nachbarschaft. Die Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn 1895-1994 (Frankfurt 1996) 163-172. 15 Hantos, Elemér: Denkschrift über die Wirtschaftskrise in den Donaustaaten (Österreich, Ungarn, Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslawien und Bulgarien) (Wien 1933). 43