Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)
Walter Rauscher: Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit
Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit zwangen. Ein von der ungarischen Regierung heimlich unterstützter Bandenkrieg war die Folge. Die militärische Überlegenheit der magyarischen Freischaren machte freilich eine friedlich bilaterale Einigung unmöglich. Doch nun setzte Italien, das eine Intervention der Kleinen Entente verhindern wollte, alles daran, um die Burgenlandfrage endlich einer Lösung zuzuführen. Die österreichische Regierung teilte dem vermittelnden Außenminister Torretta mit, als Verhandlungsbasis einer Volksabstimmung in Ödenburg unter alliierter Kontrolle zuzustimmen. Dies wurde schließlich auch am 13. Oktober 1921 im Protokoll von Venedig vereinbart. Das Plebiszit vom 14. Dezember 1921 brachte ein deutliches Ergebnis: 72,8 % votierten für Ungarn, nur 27,2 % für Österreich". Bringt man die Ergebnisse von Ödenburg-Umgebung noch in Abzug, so fiel das Gebiet mit einer Mehrheit von 65,1 % der abgegebenen Stimmen an Ungarn. Dieses Ergebnis ist freilich nicht bloß auf magyarischen Terror und Regelwidrigkeiten in der Vorbereitung auf die Volksabstimmung zurückzuführen, sondern besonders auf eine erhebliche Anti- Wien-Stimmung unter den Grundbesitzern und Kaufleuten dieses Gebiets. Österreich wollte das Plebiszit wiederholen lassen und konnte sich dabei auf tschechoslowakische Hilfe stützen. Doch die Botschafterkonferenz in Paris bekräftigte das Ergebnis schlußendlich. Ungarn wiederum versprach die Rechte der deutschen Minderheit zu garantieren und der Ersten Republik fortan wirtschaftlich entgegenzukommen. Die Entspannung des gemeinsamen Verhältnisses drückte dann auch der Besuch Ministerpräsident Istvän Bethlens in Wien am 12. und 13. Jänner 1922 aus. Auch bei dieser Gelegenheit unterließ es Bundeskanzler Schober keineswegs zu betonen, daß der Verzicht Österreichs auf Ödenburg ein besonders Entgegenkommen Wiens gewesen war, um die Beziehungen zu Ungarn zu entlasten. Noch für einige Jahre blieb das Burgenland Objekt der ungarischen Revisionisten. Zu Beginn der 30er Jahre war das Problem sodann aber aus der Tagespolitik praktisch verschwunden. Die Beziehungen normalisierten sich. Dies war gerade für das international weitgehend isolierte Ungarn wichtig, obgleich Bethlen Österreich wörtlich für eine „Leiche“ hielt, und der Anschluß auf längere Sicht nicht zu verhindern sei, wie er sich zumindest gegenüber Benito Mussolini ausdrückte. Trotzdem kam es zu gegenseitigen Staatsbesuchen. Ignaz Seipel reiste etwa 1923 nach Budapest, und im selben Jahr wurde ein bilateraler Schiedsgerichtsvertrag unterzeichnet11 12. In den 20er Jahren richtete sich das Augenmerk des faschistischen Italiens und des autoritären Ungarns zunehmend auf die Vorbereitung eines Systemwechsels im demokratischen Österreich. Dieser mochte durch einen Putsch oder auch durch einen „Marsch auf Wien“ erfolgen. Schon im Sommer 1920 hatte die ungarische Regierung mit den bayrischen Einwohnerwehren Vorbereitungen zu einem bewaffneten Eingreifen in Österreich getroffen, um der rechts von den Christlichsozialen 11 Haslinger, Revisionismus, 37^t2. 12 Siehe dazu die Aktenstücke: Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Neues Politisches Archiv, Karton 787, Ungarn I/III, fol. 247, 251-255, 264-265, 278-279, 306-313. 42