Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)
Walter Rauscher: Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit
Walter Rauscher Republik - trotz ihrer mittlerweile guten Beziehungen zur Tschechoslowakei - jedoch nicht beteiligen. Budapest erhoffte sich vom Regierungswechsel in Wien, durch den die Christlichsozialen in einer Regierung mit den Deutschnationalen den Bundeskanzler stellten, nicht bloß eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen, sondern vor allem die Lösung der Burgenlandfrage weitestgehend in ihrem Sinne. Man versuchte dabei, Österreich mit wirtschaftlichen Zugeständnissen gefügig zu machen. Gleichzeitig legte man Frankreich und Italien nahe, mit einer Angliederung des Burgenlandes an die Erste Republik trotz der Ratifizierung des Friedensvertrags von Trianon angesichts der wiederauflebenden Anschlußbewegung an Deutschland noch zuzuwarten. In Unterredungen mit christlichsozialen Politikern unterstrich Budapest unaufhörlich, daß die Burgenlandfrage einem ungetrübten Verhältnis mit Österreich im Wege stehe. Die ungarischen Hoffnungen erfüllten sich jedoch nicht, denn schon aus innenpolitischen Erwägungen hielt die bürgerliche Regierung Mayr an der Einhaltung der Friedensverträge fest. Eine Aufgabe des Burgenlandes hätte die Christlichsozialen vor der österreichischen Öffentlichkeit als „Vaterlandsverräter“ völlig diskreditiert. So schaltete die ungarische Außenpolitik die Siegermächte zur Vermittlung ein. Mit Vehemenz versuchte Budapest die um die Vorherrschaft im Donauraum konkurrierenden Frankreich und Italien für seine Pläne zu gewinnen. Wien wandte sich wiederum an die Pariser Botschafterkonferenz und erwirkte damit den Beschluß, daß Ungarn der Alliierten Militärkommission in Ödenburg das Burgenland übergeben mußte. Die Militärkommission sollte dann für den ungestörten Einmarsch der österreichischen Streitkräfte Sorge tragen. Die Siegermächte weigerten sich jedoch im Interesse einer friedlichen Entwicklung, in Mitteleuropa ein politisches Machtwort in der Burgenlandfrage zu sprechen, sondern befürworteten bilaterale Verhandlungen zwischen den beiden Streitparteien. Diese blieben ergebnislos10. Nichtsdestoweniger war das Burgenland bereits am 25. Jänner 1921 in den österreichischen Staatsverband aufgenommen worden. Die ungarischen Ansprüche wurden nach dem ersten Restaurationsversuch Karl von Habsburgs im März/April 1921 kleiner: Zunächst war nur mehr vom südlichen Burgenland die Rede, danach von Ödenburg und Umgebung. Andererseits schürte Budapest mit allen noch so zweifelhaften Mitteln die Angst besonders in Frankreich vor einem österreichischen Anschluß an das Deutsche Reich. Vom neuen Bundeskanzler Johannes Schober, der als Befürworter des Horthyregimes galt, erhoffte sich Budapest neuerlich eine Wende zu seinen Gunsten. Aber auch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht. Der Austausch der Ratifikationen zum Friedensvertrag von Trianon am 26. Juli 1921 schien Ungarn endgültig in der Burgenlandfrage aus dem Rennen zu werfen. Im Sommer 1921 kam es dann zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen österreichischen Gendarmerieeinheiten, die ins Burgenland einmarschierten, und den überlegenen ungarischen Freischaren, die die Exekutivtruppen zum Rückzug 10 ADÖ 3/507, 513, 538. 41