Sonderband 4. Das Institutionserbe der Monarchie. Das Fortleben der gemeinsamen Vergangenheit in den Archiven (1998)
Walter Rauscher: Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit
Die außenpolitischen Beziehungen zwischen Österreich und Ungarn in der Zwischenkriegszeit Gegensätze die Ausnahme. Gerade in den ersten zwei Jahren seines Bestehens wurde der junge Staat von einer Großen Koalition aus Sozialdemokraten und Christlichsozialen regiert. In Ungarn wechselte dagegen mit allen Begleiterscheinungen des Terrors die Staatsform schon sehr bald. Und so folgte auf die Republik - nach kurzem Zwischenspiel der Rätediktatur - neuerlich das Königreich. Anzumerken gilt hier, daß Österreich neben Sowjetrußland der einzige Staat gewesen war, der das Regime Béla Kun diplomatisch anerkannt und den ungarischen Rätefunktionären auch in der Alpenrepublik Asyl gewährt hatte2. Deshalb galt die Bundeshauptstadt in den Augen der Budapester öffentlichen Meinung fortan als Hort des Bolschewismus, als möglicher Ausgangspunkt für einen neuerlichen Versuch, ein Rätesystem zu errichten. Beide Staaten wurden von der Entente - sehr zu deren Unwillen - als Rechtsnachfolger der zertrümmerten Donaumonarchie betrachtet und zählten damit gemeinsam mit Deutschland, Bulgarien und der Türkei zu den Verlierern des Ersten Weltkriegs. Österreich war im Frieden von Saint-Germain nicht nur der Anschluß an die Weimarer Republik verboten worden, sondern es mußte außerdem große Territorialeinbußen über sich ergehen lassen: den Verlust von Südtirol und des Kanaltals an Italien, der Untersteiermark an Jugoslawien sowie kleinerer niederösterreichischer Landstriche und besonders der so sehnlich reklamierten sudetendeutschen Gebiete an die Tschechoslowakei. Ungarn war durch den Friedensvertrag von Trianon vom 4. Juni 1920 auf das magyarische Kernland zusammengeschrumpft. Das ehemalige Oberungarn ging ebenso wie die Karpato-Ukraine an die Tschechoslowakei, Jugoslawien erhielt Kroatien-Slawonien und Teile des Banats. Rumänien bekam andere Teile des Banats und vor allem Siebenbürgen zugesprochen. Ungarn, mittlerweile ein Königreich ohne König, umfaßte statt 325 000 bloß noch 93 000 qkm und zählte nur mehr 7,6 Mio Einwohner. Vor dem Krieg waren es 20,9 Millionen gewesen. Ungarn mußte von allen Verliererstaaten somit prozentuell die größten Verluste an Land und Bevölkerung hinnehmen. Die Revision der Pariser Nachkriegsordnung wurde so in Ungarn zum Dauerbrenner der Politik wie der öffentlichen Diskussion3. Ministerpräsident Gyula Gömbös sollte so die Forderung nach einer Revision des Friedensvertrages von Trianon in den 30er Jahren sogar offiziell in sein Regierungprogramm aufnehmen4. In Wien ging man davon aus, daß Ungarn gar kein anderer Weg übrig blieb, als mit den Nachbarn die Übereinkunft zu suchen. Die Revisionsgelüste Budapests standen dem naturgemäß diametral gegenüber. Sie erzeugten im Donauraum Unruhe, wenngleich man in Österreich anerkannte, daß auch Ungarn in Trianon schweres Unrecht widerfahren sei. Doch der Ballhausplatz goutierte die von Budapest for2 Siehe dazu Brader, Esther: Ungarn und Deutsch-Österreich zur Zeit der ungarischen Räterepublik 1919 (Wien 1981); Ormos, Maria: From Padua to the Trianon 1918-1920 (Boulder 1990). 137-324. 3 Vgl. Haslinger, Peter: Der ungarische Revisionismus und das Burgenland. 1922-1932 (Frankfurt 1994) 13-35. 4 Siehe dazu z. B. Juhäsz, Gyula: Hungarian Foreign Policy 1919-1945 (Budapest 1979) passim. 38